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"Der Waldemar ist unsichtbar"

Der humoristische Roman von Roman Schreiber

 

 

Hier die Fortsetzung ab Kapitel 12

 

Kapitel 12

Er öffnete die Tür zu seiner bescheidenen Bleibe.

"Na, da bin ich ja beruhigt, dass Ihnen Ihre Wirtin keine Vorschriften machen kann. Aber seien Sie doch nicht so förmlich, Waldemar! Nennen Sie mich einfach nur Rella!"

"Gern, Barbarella."

"Das fällt Ihnen anscheinend schwer," lachte sie."Das "Sie" können Sie sich auch schenken."

"Es gibt für mich kein schöneres Geschenk, Barbarella," sagte Waldemar und wurde rot. "...als Sie duzen zu dürfen. Möchten Sie, äh möchtest Du etwas trinken, äh ... Rella?"

"Was hast du denn anzubieten, du Schlimmer?" fragte sie.

"Eierlikör - oder Waldmeister-Limo?"

Wieder lachte sie. "Du hast wohl öfter Kinderbesuch, wie?"

"Nein. Aber das trinke ich öfter."

"Aha." Sie lächelte ergeben. "Dann schenk´mir mal einen Eierlikör ein, Herr Waldmeister."

"Gern," sagte er und schloss sein altmodisches Nachttischschränkchen auf, um Getränke und Gläser hervorzuholen. "Sie, äh, du wolltest mir etwas Wichtiges mitteilen?"

"Etwas sehr Wichtiges, Waldemar." Sie wurde ernst. "Du sollst nämlich das Opfer einer niederträchtigen Intrige werden."

"Das habe ich mir beinahe gedacht," sagte er gefasst. "Als ich sah, dass Dr. Hoose den Hinterer befördert hat. Und vor allem, wie sich die beiden benahmen!"

"Die beiden sind aber doch nicht so schlau wie sie denken. Sie waren unvorsichtig und haben in meinem Vorzimmer zu laut getuschelt."

"Das finde ich aber sehr nett von Ihnen, äh dir, Barba, äh Rella, dass du dir die Mühe machst und mich besuchen kommst, um mich zu warnen." Er wollte ihr ein Glas mit Eierlikör füllen, doch das zähflüssige Zeug kam nicht aus der Flasche. Deshalb schlug er dreimal mit der anderen Hand auf den Flaschenboden. Und nun kam er heraus. Allerdings kam gleich ein Viertel des Flascheninhalts.

"Oh, oh, oh ...," rief er erschrocken, als er erkannte, was er angerichtet hatte. Schnell und schwungvoll richtete er die Flasche wieder auf. Doch er konnte nicht verhindern, dass ein breiter gelber Strahl über Barbarellas nackten Unterarm und die Couch kleckerte.

"Ach, du - lieber - mein Gott, Frau Brachialas Couch!" entfuhr es Waldemar. Er leckte den über seine Hand gelaufenen Eierlikör ab. "Das ist ja - entschuldigen Sie, äh du, vielmals!"

Doch Barbarella lächelte immer noch, wenn auch etwas gequält.

"Bei mir ist es ja noch mal gut gegangen, Waldemar." Sie hielt ihm ihren besudelten Arm hin. "Nur das müsstest du irgendwie beseitigen. Schade um deinen guten Likör."

"Sofort, gleich. Einen Moment, ich muss nur noch ..." Waldemar stellte die klebrige Flasche auf den niedrigen Couchtisch und lief in die Küche von Emily Brachiala. Nach zehn Sekunden kam er mit einem Messer in der rechten und einer Suppenkelle in der linken Hand wieder herein.

Barbarella lächelte spöttisch. "Du siehst aus, als wolltest du Gulaschsuppe aus mir machen, Waldemar. Was soll denn das werden?"

"Ganz einfach. Mit dem Messer kratze ich das gelbe Teufelszeug in die Kelle." Und er machte sich sofort daran, seine Absicht auszuführen.

"Wenn du so weitermachst, Waldemar, komme ich wohl heute nicht mehr dazu, dir von Dr. Hooses Intrige zu erzählen."

"Lasse dich nicht stören, ich höre dir zu," versicherte Waldemar. Er schlürfte die Kelle mit abgekratztem Eierlikör leer. "Kann man ja nicht verkommen lassen, nicht wahr? War zwar nur ein Sonderangebot - drei neunundneunzig die 0,7 - l -Flasche - aber trotzdem," erklärte er.

"Du bist mir vielleicht ´ne Type, Waldemar!" Barbarella schüttelte grienend ihre schwarze Mähne. "Also, pass mal auf : Dr. Hoose scheint dich für einen Industriespion zu halten, der von Brodelbach bezahlt wird. Er glaubt, an dieser Unsichtbarkeitsdroge sei doch etwas dran und du wolltest diese statt der PPP einfach der Brodelbach Chemie zuschanzen. Deshalb hat er schnell deinen Erzfeind Hinterer zu seinem Stellvertreter erklärt und auf deine Spur angesetzt. Hinterer soll dir und den Brodelbach-Leuten zuvorkommen, das heißt, dir die Erfindung vor der Nase wegschnappen. Gleichzeitig soll er versuchen, dich als Brodelbach-Agent zu entlarven. Sie wollen Polterum morgen oder übermorgen über deine angebliche Spitzeltätigkeit ins Bild setzen, ihn aber bitten, dich solange nicht zu entlassen, wie sie dich noch beschatten wollen."

"Das ist ja ungeheuerlich!" rief Waldemar empört. Er trank die zweite Kelle Eierlikör. "Diese Gauner!"

"Ja. Aber ich glaube nicht, dass du tatsächlich ein Industriespion von Brodelbach bist," sagte Barbarella lächelnd. "Aber willst du den Eierlikör nicht auch von meinem Arm kratzen?"

"Au ja, äh sofort, ja," Waldemar nickte eifrig. "Übrigens, INVISIBLIN ist tatsächlich großer Schwindel. Dr. Schaumberg heißt eigentlich Ottmar Dunkel und ist ein international gesuchter Trickbetrüger. Mir hat er zwar vorgeführt, wie er Versuchstiere tatsächlich unsichtbar macht, aber das kann nur ein Trick mit Rauch, verschiedenen Lichtquellen und Spiegeln gewesen sein. Danach ist er aus dem Labor geflüchtet."

"Haha, und diesem Windei jagen Dr. Hoose und Hinterer nach!" sagte Barbarella lachend.

"Äh, ich kann mir denken, warum die mich für einen Spitzel halten!" Waldemar dämmerte es plötzlich und er musste lachen. "Ich bin tatsächlich am Samstag nach dem Besuch bei dem falschen Erfinder bei der Brodelbach Chemie gewesen. Und Hautin muss mich gesehen haben, als er dort wegfuhr. Der hat sich nämlich klammheimlich beworben."

"Wie? Was? Ich versehe nur Bahnhof!" Barbarellas Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

"Hoppla!" rief Waldemar, denn nun war ihm der Eierlikör vom Messer  wieder heruntergekleckert , diesmal auf Barbarellas Knie. "Oh, Verzeihung, das ist mir - aber - peinlich. Darf ich...?"

Schnell kniete er nieder und blickte sie von unten fragend an.

Aufmunternd nickte sie ihm zu. "Nur zu. Kratze es von meinem Knie. Aber lasse mein Knie ganz!"

Er konnte gar nicht auf ihre Knie sehen, ohne schwach zu werden.

"Ja, also dann wollen wir mal ..." Übervorsichtig, mit leicht zitternder Hand, legte er die Messerschneide auf ihr bestrumpftes Knie. Er musste sich ungeheuer zusammennehmen, aber er schaffte es, den Likör in die Kelle zu bringen. Schnell trank er den Likör aus der Kelle - und diese Vorstellung machte ihn vollends verwirrt. Plötzlich warf er Kelle auf den Tisch.

"Barba, äh - Rella!" brach es aus ihm hervor. Jetzt oder nie - sonst wirst du diese Frau niemals erobern, dachte er. Todesmutig ergriff er ihre beiden Knie und drpückte auf jedes einen kurzen, aber heißen Kuss.

"Waldemar!" sagte Barbarella erstaunt. "Du bist ja ein Mann!" Sie legte die Hand auf seinen Lockenkopf und streichelte ihn.

In diesem Moment hörten sie draußen ein Geräusch, und dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Drohend erschien die türfüllende Matronengestalt von Emily Brachiala. Sie hatte beide fleischigen Arme in die ausladenden Hüften gestemmt und ihre Augen hatte sie fast so weit aufgerissen wie ihren grell geschminkten Mund.

"Also, dat is´ja wohl `en Dingen!" fauchte sie, und ihr mächtiger Busen wogte. "Bei mir, da stellt sisch de scheinheilige Kerl an, als wenn er nit von eins bis zwei zählen künnt, und dabei entpuppt er sisch hier als `en janzer schlimmer Lotterbube mit janz niedere Inschtinkten!" Entrüstet wogte sie ins Zimmer herein.

 

Kapitel 13

Waldemar schoss in die Höhe, ergriff schnell die auf dem Couchtisch stehende Eierlikörflasche und stammelte: "N`abend, Frau Brachiala. Möchten Sie auch einen?"

"Isch?!" juchte Emily. Sie stemmte erneut ihre Wurstarme in die Hüften. "Bleibense mir weg mit ihre alkoholische Orgie, Sie!" Drohend schritt sie auf ihn zu. Er hielt abwehrend die Flasche mit dem Orgien-Likör vor sich, während er zurückwich.

"Mann, und sowat will `en jesittete, jebildete Mensch sein!" stieß Emily keuchend hervor. "Isch habe de janze Zeit `en sexuell total verwildertes Untier unter meinem Dach hausen lassen! Meine Jüte, wat hätte mir allet zustoßen können! Knutscht hier wildfremde Lotterweiber auf meinem juten Sofa ab. Da weiß man ja jar nit, wohin mit seine Schamröte!" Und mit wutblitzenden Zornesblicken wandte sie sich der belustigt lächelnden Barbarella zu. "Und du heimatloset Flittchen, mach, dat du hier aus meine ehrliche Wohnung flatterst, eh´du mein´jute Leumund noch mehr mit moralischen Schmutz besudelst! Raus!" zeterte sie und zeigte zur offenstehenden Tür. "Und Ihnen kündije isch hiermit dat Zimmer fristlos, Herr Unsinger! Jehense und ziehense mit ihre feinen Lotterweiber in ´en Hafenabsteige, aber lassense mein´ jute Ruf als Vermieterin unbefleckt, Sie Schandfleck der menschliche Jesellschaft, Sie!"

Das ist zuviel, dachte Waldemar. Seine geliebte Dame beleidigen und ihn selbst vor dieser Dame abkanzeln - das ging zu weit.

Hart setzte er die Likörflasche auf den Tisch und ergriff mit beiden Händen die dort abgelegten Gegenstände - das Messer und die Kelle. Plötzlich sah er rot und ging auf Emily Brachiala zu.

"Jetzt ist Schluss!" zischte er aufgebracht. "Jetzt reicht es aber, Frau Emily! Jetzt habe ich erkannt, wer hier moralisch verwahrlost ist. Sie! Sie wissen wohl gar nicht wohin mit ihrer Wut und Enttäuschung, weil Sie nach zahlreichen plumpen Annäherungsversuchen noch immer nicht bei mir landen konnten, wie?"

Kraftvoll schlug er mit der Suppenkelle auf den Couchtisch.

"Hilfe!" kreischte Emily. Sie zuckte zurück. "Hülfe, de´rasende Unhold will mich mit meinem eijene Messer massakrieren! Dabei hatt´ich dat ja alles nur zum Spass jesagt, Waldi."

"Der Spaß fängt jetzt erst an!" zischte Waldemar. Er übernahm die ihm zugedachte Rolle. "Massakrieren und zu Suppenfleisch verarbeiten, jawohl ..."

Mit angstvoll geweiteten Kulleraugen wich sie zurück.

"Wozu zahle ich hier eigentlich Miete, wenn ich mich hier nicht nach meiner Fasson amüsieren darf? Wie Sie sehen, bin ich nunmal eben ein Triebtäter!"

"Bitte, Waldi. Isch war doch immer jut zu Ihnen! Tun ´se mir nix!" bibberte sie. Und Barbarella, die sich inzwischen hochmütig erhoben hatte, rief sie zu: "Seh´n Sie denn nich´, dat mir de´Waldi wat antun will? Könnense denn mit anseh´n, wie der Rasende mir mit dat Messer anne Gurgel will?"

"Wie können Sie erwarten, dass sich ein wildfremdes Flittchen und Lotterweib darum schert, was aus Ihnen wird," entgegnete Barbarella geringschätzig. Gleichgültig ging sie an den beiden vorbei in die Diele, um sich ihr Pelzjäckchen anzuziehen.

Da donnerte es plötzlich, und der alte Kleiderschrank neben Emily erzitterte. Denn Waldemar hatte die Kelle erhoben und mit einem kurzen, harten Hieb zugeschlagen. Allerdings nicht auf die zitternde Emily, sondern gegen die Seitenwand des Schranks.

Emily zuckte zusammen und hob beide fleischigen Hände vor ihr erblassendes Rundgesicht. Sie klebte fast an der Wand.

"Nein! Nein!" wimmerte sie. "Nicht!! Waldi, so tun ´se mir doch nix! Jlauben ´se mir doch, isch wollte Sie nit beleidigen!"

"Gut, Sie gut gefütterter Spaßvogel," brummte er. Dann warf er Kelle und Messer auf die Couch. "Aber Ihre Kündigung nehme ich ernst. Dann können Sie sich schneller an meinen Nachfolger heranmachen. Bei Ihrem Alter haben Sie ja nicht mehr viel Zeit. Das sehe ich ein. Wenn ich dafür nicht in Frage komme, halte ich Sie hier ja nur von Ihrem Lebensglück ab. Ich entferne mich aus Ihren Jagdgefilden und mache die Mausefalle frei. Ab morgen suche ich mir eine eigene Wohnung."

Er ging wieder hinüber zum Schrank, zog sein hellgraues Sakko über, knallte hinter sich die Tür zu und verließ mit Barbarella, seiner neuen Eroberung, den dramatischen Schauplatz.

                                                    ------

Waldemar kehrte an diesem denkwürdigen Abend zum ersten Mal, seit er bei Emily Brachiala hauste, nicht wieder zurück. Er kam auch nicht in der Nacht und auch nicht am Morgen. Was hat dieses Superweib nur an sich, dachte Emily kummervoll, dass diese an einem Abend bei Waldi das schaffte, was ihr in den ganzen zwei Jahren nicht geglückt war? Schließlich war sie doch auch nicht ohne, das konnte man doch wirklich nicht behaupten. Mit den Rundungen dieses Weibes konnte sie doch noch allemal konkurrieren!

Sie hatte die dumpfe Ahnung, dass etwas ganz Furchtbares passiert war. Hätte sie es gewusst, wäre sie wahrscheinlich in neue Gefühlseruptionen geraten. Denn Waldemar und Barbarella hatten die halbe Nacht im 132m hoch gelegenen Drehrestaurant des Fernsehturms getanzt und sich dann in Barbarellas kleines, hübsch eingerichtetes Appartement am Holstewall zurückgezogen. Dort hatten sie den Rest der Nacht verbracht - und zwar so, wie es niemand für möglich gehalten hätte, der Waldemar bisher gekannt hatte. Aber Waldemars aufgestauten Gefühle hatten sich endlich mal freie Bahn gebrochen.

Der leichte Alkoholeinfluss sorgte dafür, dass er sich weder wie ein Untier benahm, sondern wie jemand, der eine Frau wirklich liebte. Und auch bei Barbarella hatten Liebe und Alkohol so zusammengewirkt, dass das Schicksal Emily Brachiala keine Chance mehr ließ. Nur war Emily leider ein Mensch, der nicht einsah, was die Uhr geschlagen hatte. Und schon gar nicht, wenn sie dreizehn geschlagen hatte!

 

 Weiter geht`s in Kürze mit Kapitel 13

 

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