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Der Humoristische Roman
zum Kugeln:

"Der Waldemar ist unsichtbar"

von Roman Schreiber

gratis für Sie in Fortsetzung:

Alle 8 bis  14 Tage kommt ein weiteres Kapitel dazu !


 Kapitel 1:

"Der Waldemar ist unsichtbar"

"Donner-Sack-Zement noch mal! Sie brauchen gar nicht den Kopf einzuziehen, Herr Dr. Hoose!" polterte Anton Polterum.

Der cholerische Hauptgesellschafter der PPP Pharmazeutische Produkte Polterum GmbH in Hamburg stand auf den Füßen
wippend vor seinen beiden Geschäftsführern. Er hakte die kurzen Daumen hinter seine schicken roten aus den USA mitgebrachten
Unternehmer-Hosenträger und schleuderte seinem Entwicklungschef immer neue Zornesblitze entgegen.

"Sie scheinen es noch nicht begriffen zu haben! Ihnen steht das Wasser bereits so hoch, dass Sie den Hals gar nicht lang genug
machen können! Dank Ihrer überragenden Unfähigkeit!"

"I... ich?" schnappte Dr. Volker Hoose empört. Er machte tatsächlich den faltigen Hals etwas länger. "Ich und unfähig? Herr Polterum,
gegen diese Anschuldigung muss ich mich entschieden verwahren. Das ist doch..."

"Unfähigkeit in Perfektion ist das, jawohl!" unterbrach ihn der alte Chef. "Oder nennen Sie es gekonnten Dilettantismus,
höhere Dummheit oder sonst was. Jedenfalls ist doch jede Ihrer Neuentwicklungen in den letzten Jahre danebengegangen -
sozusagen in die Hose, Herr Dr. Hoose! Und jetzt haben Sie die Hosen voll. alles Ihre Schuld - und Herrn Hautins Schuld natürlich auch!"

Polterum wandte sich seinem fast zwei Meter langen Marketingdirektor Hubert Hautin zu.

"Ja, auch Sie, Hautin. Sie sind zwar eine Verkaufskanone, aber eine, die meistens nach hinten losgeht! Anstatt erst mal Marktforschung
zu treiben und Verbrauchertests durchzuführen, haben Sie die neuen Duftpräparate mir-nichts-dir-nichts mit einem irren Verpackungs-
und Werbeaufwand auf den Markt geworfen. Obwohl jedes dieser missratenen Hoose-Duftmittel so penetrant stinkt, dass Sie damit jedes
ausgewachsene Stinktier in die Flucht schlagen können. Das sei ja schon Umweltverpestung, schreiben uns die Händler. Egal, ob es sich
um die Atemverbesserer Lock-Hauch, Wild-Hauch oder um den Miefex-Luftfrischer handelt, den Anticaso-Fußgeruchsstopper oder
das Fresh-Wow-Hundeshampoo - diese ganzen Missgeburten unterscheiden sich im Duft höchstens wie ein Kuhstall von einer Harzer Käse-
Fabrik. Da ist ja der ungebremste Mund- und Fußgeruch noch weit angenehmer."

Er lachte höhnisch auf:

"Und sowas schimpft sich `Duftschöpfer`! Wenn Ihnen beiden nicht zusammen ein Drittel der PPP-Geschäftsanteile gehörten,
würde ich dafür sorgen, dass Sie auf der Stelle hier verduften. Aber so wahr ich hier stehe!" rief er und setzte sich krachend
in seinen Chefsessel. Das lederne Polster seufzte hörbar.

"Aber ich kann Sie leider nicht rausschmeißen, weil durch diesen Kapitalentzug die Firma zusammenbrechen würde."

"Erlauben Sie mal, Herr Polterum," muckte Dr. Hoose auf. Was war es denn,was die Firma
nach der letzten Krise wieder hochgebracht hat? Doch nur das Duftprogramm, das ich seit den achtziger Jahren hier entwickelt habe!"

"Ich rede nicht von vorgestern." Polterum verscheuchte dieses Argument mit einer unwilligen Handbewegung. "Ich rede von heute.
Ihre verwelkten Lorbeeren taugen doch höchstens noch als Suppengewürz. Wenn Sie sich da heute noch drauf ausruhen wollen,
dann bitte nicht hier.
Ich werde Ihnen sagen, warum mit Ihnen nichts mehr los ist, Herr Dr. Hoose. Seitdem Sie vor drei Jahren damit angefangen haben,
diesen scheußlichen Tabak zu schnupfen, hat Ihre bis dahin so sichere Nase weitgehend ihren Geruchssinn eingebüßt, jawohl!
Ich habe Sie mehrfach vor den unabsehbaren Folgen gewarnt, aber Sie haben ja alle meine gutgemeinten Ratschläge
in den Wind geschlagen und behauptet, Ihre einmalige Nase würde ihren Duft-Instinkt niemals verlieren. Und was ist jetzt?
Heute ist Ihr Geruchssinn dermaßen abgestumpft, dass Sie nur noch die penetrantesten Gerüche wahrnehmen und für Veilchenduft halten.
Und darauf haben Sie alle neuen Duftpräparate abgestimmt.

Und Sie, Hautin..." Seine sprühenden eisgrauen Augen schwenkten wie zwei Laserstrahlen zu dem langen Marketingdirektor.
"Sie haben natürlich auch nichts von dem Unheil gerochen, weil Ihr Riesen-Zinken wegen Ihres  chronischen Heuschnupfens
ständig verstopft ist. Nicht umsonst nennt man Sie hier den "Hohen Rotzkopf". Meine Herren, ich will Ihnen mal was sagen:
In einem Unternehmen wie dem unsrigen haben Sie die heilige Verpflichtung, Ihren Geruchssinn so zu erhalten und zu pflegen
wie Ihre Fortpflanzungsfähigkeit! Jawohl!"

"Sollen wir uns vielleicht eine Hundenase ins Gesicht operieren lassen?" näselte Hubert Hautin.
Ihm fiel das Sprechen wegen seiner ewig verkleisterten Nase schwer.

"Werden Sie nicht unsachlich, Herr Hautin!" Polterum wischte den Einwand vom Schreibtisch.
"Und nun genug. Streiten wir uns nicht länger um Nasen. Wir sollten statt dessen an die Zukunft denken. Sonst hat die Firma
bald keine Zukunft mehr. Hätten wir nicht noch unser Weckamin "Volldasein" als einziges erfolgreiches Produkt im Programm,
wäre sowieso schon der Ofen aus.. Mein Gott!" Er schüttelte sentimental den schütteren Halbglatzkopf und war dem Weinen nahe.
Er stand auf und sah mit wehmütigem Dackelblick aus dem breiten Fenster auf das emsige Treiben des Hafens hinunter.

"Drei Generationen hat dieses stolze Unternehmen in ständigem Wachstum überlebt. Das will was heißen:
Es ist in Krisen und Rezessionen  durch Dick & Dünn marschiert - und dann sowas. Jetzt steht meine gute alte Firma
plötzlich fast vor dem Ruin! Durch die ruchlose Verantwortungslosigkeit von ein paar geruch- und instinktlosen Nichtskönnern!
Hätte ich doch bloß einen Sohn gehabt! Einer vom alten  Hamburger Polterumer Schlag hätte es nie dazu kommen lassen!"

"Ja, hätten Sie es auch als Ihre heilige Pflicht angesehen, Ihre Fortpflanzungsfähigkeit so zu erhalten wie Ihren Geruchssinn,
Herr Polterum, wäre Ihnen viel erspart geblieben," bestätigte Hautin nicht ohne Bosheit und grinste verhalten.    

"Verdammt noch eins!" Polterum hieb wütend auf die Schreibtischplatte, dass sein altmodischer Zinnsoldat-Briefbeschwerer
zu tanzen begann. "Ihnen wird der Unernst noch abhanden kommen, wenn ich Ihnen eröffne, was ich vorhabe,
meine Herren Gesellschafter! Denn ich mache jetzt ernst. Ich will nicht, dass die Firma baden geht. Ich habe mich entschlossen,
meine siebzig Prozent zu verkaufen. Was sagen Sie nun?"

Die beiden Direktoren schossen hoch wie zwei Kater, hinter denen gerade ein Bluthund geknurrt hatte.
"Wie, was?" entfuhr es Hautin verschreckt. Seine Nase schniefte wie ein undichter Autoreifen.
"Verkaufen? Aber, Herr Polterum, um Gottes und sonst wessen willen!" stammelte Dr. Hoose.

"Jawohl, meine Herren," sagte Anton Polterum und faltete fast mitleidig lächelnd die kurzen Hände.
"Und zwar stehe ich bereits in fortgeschrittenen Verhandlungen mit dem multinationalen Konzern WORLD CHEMICAL CORPORATION
aus Toronto/Kanada. Dieser ist sehr an der Übernahme unserer Produktionsanlagen interessiert. Und das Wichtigste -
sie wollen trotzdem die PPP als selbständige Tochtergesellschaft unter dem alten Namen weiterführen.
Aber ich glaube nicht, dass die WCC die Geschäftsführung unangetastet lassen wird. Wie man solche Konzerne kennt,
setzen die gerne im eigen Haus geschulte Leute aus der Zentrale ein. Ja, Ihnen dürfte nur noch übrigbleiben,
sich Ihre Firmenanteile auszahlen zu lassen. Und damit hat es sich für Sie dann ausgepolterumt, meine Herren!"

"Aber, um Gottes Willen!" wiederholte Dr. Hoose.Er fuhr sich durch die wirren Silberhaare.
"Das geht doch nicht! Das können Sie doch nicht so einfach machen. Dagegen muss man doch was unternehmen können!
Ausgerechnet die WORLD CHEMICAL, unsere schärfste Konkurrenz!"

"Eine Chance haben Sie noch, meine Herren. Allerdings eine winzig kleine Chance!"
"Aha!" Hubert Hautin horchte auf und schniefte laut.
"Ja?" Auch Dr. Hoose schöpfte neue, wenn auch schwache Hoffnung.
"Aber wenn ich an Ihre instinktsichere Unfähigkeit denke, meine Herren, dürfte diese Chance wahrhaftig fast Null sein,"
sagte Polterum düster. Er schaute auf seine gefaltenen Hände und schüttelte zweifelnd den Kopf.
Dann blickte er so traurig auf wie ein herrenloser Dackel.
"Gerne möchte ich wirklich nicht an so einen Multi verkaufen, das können Sie mir glauben. Und für einen Pappenstiel
schon gar nicht. deshalb habe ich eine entsprechend hohe Forderung für die Anteilsmehrheit an die Pillendreher von
WORLD CHEMICAL gestellt. Deren Unterhändler Jerry McPillan ist erstmal wieder über den Teich nach Toronto geflogen.
Aber Ende nächster Woche will er mit einem neuen Angebot wiederkommen. Wenn wir bis dahin nicht irgendein neues Projekt,
aber ich betone, ein wirklich vielversprechendes Projekt, auf der Pfanne haben, werde ich verkaufen,
ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken."

"Aber, Herr Polterum!" Dr. Hoose schoss zappelig aus dem Sessel. "In anderthalb Wochen?
Wie wollen Sie denn das bewerkstelligen? Erfolgreiche Produktentwicklungen brauchen jahrelange Vorarbeiten.
Das wissen Sie doch am besten!"



Kapitel  2

"Sicher," grinste Polterum süffisant. "Und darum müssen Sie ständig was in der Pipeline haben, Herr Dr. Hoose.
Damit Sie immer sofort was parat haben, wenn uns die Konkurrenz in die Parade fährt oder uns sogar aufkaufen will.
Haben Sie etwa die ganzen letzten Monate selig geschlafen? Dann bekommen Sie jetzt eine Reihe
schlafloser Nächte zum Ausgleich!"

"ja, ach, Gott, das heißt - wir haben..." stotterte der Entwicklungschef. Er wurde rot wie die Zahlen,
in denen die Firma PPP steckte.

"Das heißt also, dass Sie nichts haben. Natürlich, Sie haben ja Ihr gutes Gehalt, das reicht Ihnen - dachte ich`s mir doch."
Polterum nickte beinahe zufrieden über seine Menschenkenntnis, obwohl er gar nicht zufrieden war.
"Ach, ich könnte Sie..." giftete er wieder. Er stand ruckartig auf. "Ach was! Sie können mich mal! Mein letztes Wort,
meine Herren: Am Freitag nächster Woche um Punkt zwölf sehen wir uns hier wieder. Und dann erwarte ich
Ihre Vorschläge, wie Sie den Karren noch einmal aus dem Schlamassel ziehen wollen! Machen Sie, was Sie wollen,
aber machen Sie was! Aber um Gottes Willen kein weiteres Duftpräparat! Lassen Sie gefälligst endlich mal
ein paar brauchbare Ideen durch Ihre trägen Hirne zucken. Finden oder erfinden Sie etwas, etwas Umwälzendes.
Und wenn Sie zehnmal behaupten, dass Sie dafür Jahre brauchen - bei mir haben Sie noch zehn Tage.
Oder Jahre, um einen neuen Job zu finden, wenn hier die WORLD CHEMICAL einzieht und die
große Säuberungswelle beginnt. Und wenn Sie irgendwo einen tollen Lizenzauftrag an Land ziehen, Sack-Zement nochmal!"

Er holte schniefend Luft ein und ließ sich wieder in den Ledersessel fallen.
Dessen Polster schnieften mit ihm um die Wette.

"Jawohl, Herr Polterum," murmelten Hubert Hautin und Dr. Hoose. Sie blickten sehnsüchtig zur Polstertür.

"Was ist denn eigentlich mit Ihrem jungen Biochemiker, diesem Unsinger, Herr Dr. Hoose?" fragte Polterum,
plötzlich wieder friedlich.

"Der Waldemar Unsinger?" Der Entwicklungschef lachte gequält auf.

"Ja, der. Der hatte schon manche Idee, wenn mich nicht alles täuscht. Der hat bloß bei
einem Vorgesetzten wie Ihnen keine Chance."

"Der Waldemar! Das ist doch nur ein ausgemachter Spinner, ein studierter Dummkopf. Nur Hirngespinste brütet er aus."
Dr. Hoose fuhr sich fahrig durch die Silbermähne.

"Wenn der so unfähig sein soll, wie Sie behaupten, Hoose, warum ist er dann immer noch bei Ihnen beschäftigt?"
fragte Polterum. Lauernd grinste er den Chemiker an.

"Na ja, man ist ja kein Unmensch. Er ist ja andererseits immerhin hilfsbereit," meinte Dr. Hoose unsicher.
"Ich werde Ihnen sagen, warum, lieber Doktor. Weil er es war, der Ihnen die sicher nicht einmal schlechten Ideen
für die letzten Duftpräparate geliefert hat. Aber Sie wollten so tun, als seien die Ideen auf Ihrem eigenen Mist gewachsen.
Sie haben die Entwicklung in die eigene inkompetente Hand genommen und aus den fremden
guten Ideen faule Windeier produziert! Jawohl, so ist es gewesen!"

Dr. Volker Hooses Gesicht leuchtete so rot auf wie sonst nur seine ständig rotgeäderte Schnupftabak-Nase.
"Aber Herr Polterum, woher haben Sie denn dieses Ammenmärchen? Wer hat Ihnen solche Verleumdungen hinterbracht?"

"Sie brauchen mir gar nichts vorzumachen. Sie habe ich längst durchschaut, Sie Entwicklungsbremse!" entgegnete Polterum
und steckte sich eine dicke Brasil an. "Also, meine Herren, nächsten Freitag um zwölf! Aber für Sie dürfte es schon fünf vor zwölf sein.
Und bitte: Kein Sterbenswort zu den anderen über den bevorstehenden Verkauf! Auf Wiedersehen, meine Herren -
vielleicht wird es das letzte!"

Der stämmige siebzigjährige Hauptgesellschafter, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hatte und
sein feudales Mahagoni-Büro nur noch selten mit seiner Anwesenheit zu füllen pflegte,
stieß seinen dicken Zeigefinger auf die Taste der Rufanlage.
Während sich seine beiden Direktoren geistesabwesend und mit weichen Knieen erhoben, ging die schwere alte Polstertür auf
und Barbarella Schönthal, eine atemberaubende schwarzhaarige Schönheit, schwebte herein. Eigentlich war
das rassige Mädchen Dr. Volker Hooses Sekretärin. Aber immer wenn Anton Polterum im Hause weilte,
musste Dr. Hoose sie ihm einige Stunden als Teilzeitkraft ausborgen.
Schließlich hatte der alte Polterum noch viel Schönheitssinn für sein Alter.

"Herr Polterum, E-mail von Mr. McPillan. Er bittet dringend um Ihren persönlichen Rückruf in Toronto.
Scheinbar hat es die WORLD CHEMICAL sehr eilig!"

"Danke, Barbarella." Polterum  griente von einem Schlitzohr zum anderen. "Sehen Sie, meine Herren `Manager`.
Vielleicht haben Sie noch nicht mal mehr zehn Tage Zeit." In Polterums Stimme lag ein hämischer Unterton,
obwohl er über die Entwicklung der Dinge gar nicht schadenfroh war.

"Es ist nicht zu fassen - die PPP in Händen von kanadischen Holzfällern! Wenn das noch mein seliger Vater erlebt hätte!"

"Wir stiften dem seligen Polterum senior ein Kugellager, damit er besser im Grab rotieren kann," sagte Hubert Hautin
draußen im Vorzimmer zu seinem Kollegen und Leidensgenossen. Dann schneuzte sich der "Hohe Rotzkopf"
nachdrücklich seine Dauerschnupfen-Nase und Dr. Hoose nahm erst einmal eine große Prise Schnupftabak,
um seinen vor Panik heißgelaufenen Denkapparat zu kühlen.

----------------------------

In den drauffolgenden Tagen herrschte in der Firma PPP eine übernervöse Hektik. Bei den beiden Direktoren jagte
ein Meeting das andere - und es gab Konferenzen, Einzel-, Team- und Abteilungsbesprechungen. Zwischen den Sitzungen
flatterten die zutiefst erschrockenen Chefs im Betrieb herum wie aufgescheuchte Hühner und machten
ihre Untergebenen wild und für alles Unglück verantwortlich. Denn sie konnten das Geheimnis unmöglich allein
auf ihren zitternden Schultern tragen, trotz Redeverbot.

Sie verdonnerten die zweite Manager-Riege zu ideelichen Spitzenleistungen innerhalb von drei Tagen und verabreichten
allen Beteiligten zusätzlich das PPP-Weckamin "Volldasein". gleichzeitig vergatterten sie sie zu strengstem Stillschweigen
über den eventuell bevorstehenden Verkauf der Firma an die WCC, die im Branchenjargon oft auch WATER CLOSET COMPANY
genannt wurde. Doch je strenger die Vergatterung, desto schwerer war es nunmal für die Beteiligten, ein derartiges Geheimnis
mit sich herumzuschleppen. Und so trugen die vielen Geheimnisträger ihr Geheimnis natürlich auch zur Konkurrenz,
schon weil sich mancher dort vorsorglich um eine Stellung bewarb. Denn Ratten, die das sinkende Schiff verließen, gab es immer.

Und die Konkurrenten, allen voran die Firma Brodelbach Chemie, freuten sich, weil es der PPP so schön dreckig ging.
Sie sorgten dafür, dass die Kunden, hauptsächlich Drogeriemärkte und Apotheken, davon erfuhren - und schon bestellten diese
so gut wie nichts mehr bei der PPP: Eine Firma, die zum Verkauf steht, bekam nun einmal kein Vertrauen geschenkt,
bis endgültig feststand, was aus ihr wurde.
Und so vergingen schließlich die bewussten zehn Tage, ohne dass die Herren Dr. Hoose und Hautin in ihrer Nervosität
imstande waren, auch nur einen klaren Gedanken zu produzieren. Und wenn vielleicht unter den Vorschlägen
ihrer Untergebenen brauchbare Ideen waren, so waren sie nicht imstande, diese zu erkennen.
Deshalb und weil durch ihre Schuld das Geheimnis der Firma branchenweit bekannt geworden war,
schlichen sie geduckten Hauptes an dem bewussten Freitag um zwölf Uhr wieder in das
Mahagoni-Büro ihres Hauptgesellschafters.

Anton Polterum stand breitbeinig vor dem wandhohen Fenster, von dem aus er vielleicht bald zum letzten Mal
das gesamte PPP-Areal und den Oberhafen überblicken würde. Seine kurzen, dicken Arme hatte er vor der breiten Brust
verschränkt und sein weißer, schütterer Haarkranz stand nach allen Seiten ab. Das war ein untrügliches Anzeichen
für ein bevorstehendes Polterum-Beben. Das erkannten Hautin und Hoose sofort, als sie lautlos
wie zwei Schatten in die Sessel der Pesprechungsgruppe glitten.

Ruckartig fuhr Polterum herum, als Barbarella Schönthal hinter den beiden "Super-Managern" die Polstertür ins Schloss
fallen ließ. Wutblitzend verengte er seine eisgrauen Augen, und heiser wie ein alter Kettenhund bellte er:
"Bevor Sie mir Ihre hoffentlich exzellenten Ideen unterbreiten, etwas noch viel Wichtigeres, meine Herren!"

"Gibt es noch etwas Wichtigeres?" fragte Dr. Hoose leise und verschüchtert.

"Allerdings, Hoose!" polterte Polterum "Für mich persönlich ist es das Wichtigste, dass meine siebzig Prozent
nicht in ihrem Wert gemindert werden. Und zwar durch die Gerüchteküche, die Sie, meine Herren,
mit Ihrer verantwortungslosen Indiskretion angeheizt haben!"

"Wir?" fragte die beiden Direktoren überflüssigerweise.

"Jawohl, Sie! Sie brauchen sich überhaupt nicht zu verteidigen, Hautin & Hoose. Ich weiß längst Bescheid.
Man hat ja noch seine Zuträger unter den altgedienten Mitarbeitern, die mit Ihrem Führungsstil hier nicht einverstanden sind."

"Was? Und welche Denunzianten wollen Sie schützen?" ereiferte sich Hubert Hautin. "Wer war denn das?"

"Das könnte Ihnen so passen, dass ich zum Denunzianten werde, wie?" konterte Polterum.
"Nee, mein Lieber! Und ich weiß noch mehr! Nämlich,dass Sie nicht nur den Ruf unserer Firma bei der Kundschaft
ruiniert haben, sondern auch keine einzige brauchbare Idee produziert haben, die der Firma
wieder auf die Beine helfen könnte. Genau das habe ich erwartet!"

"Na, dann werden Sie ja wenigstens nicht gar so enttäuscht sein," tröstete ihn Hautin.
 "Es ist ja auch einfach unmöglich, so etwas in zehn Tagen zu schaffen."

"Ich werde Ihnen sagen, was unmöglich ist, Hautin." Der Alte grinste jetzt böse.
"Unmöglich ist es, dass Sie noch länger als drei Monate hier beschäftigt sein dürften,
wenn die Firma erst im Besitz der WCC ist. Jetzt ist alles klar. Mein Entschluss steht fest. Ich verkaufe!"

Dr. Hoose dachte an seine schöne Elbchaussee-Villa, seinen schönen Dienst-Mercedes und das schöne Segelboot
an der Außenalster. Darauf konnte er einfach nicht verzichten!

"Wir werden schon noch gute Ideen haben. Geben Sie uns noch vier Wochen und halten Sie diesen Harry Pillenmeck
 von der WATER CLOSET COMPANY noch so lange hin!" flehte er.

"Wenn ich das tue, ist das Image der PPP durch Flaschen wie Sie inzwischen restlos zerstört. Nee, nee, ich verkaufe.
Übermorgen kommt Jerry McPillan rübergejettet und macht den großen Einkauf."

"Für wieviel?" fragte Hautin durch die Nase. Er wischte sich mit einem seidenen Taschentuch
den kalten Schweiß von der heißen Stirn.

"Das werde ich Ihnen nicht auf die verstopfte Nase binden, Hautin," sagte Poltzerum. Plötzlich fiel ihm etwas ein.
"Sagen Sie mal, Hoose. Ich habe gehört, dieser Waldemar Unsinger soll doch einen
neuen Produktideenvorschlag gemacht haben. Ist denn der wirklich so unsinnig?"

"Ha! Na, und ob! Der `Sympathie-Droge`will er auf die Spur gekommen sein. Einer Droge, die angeblich jeden Menschen
für mehrere Stunden ein hemmungsloses Sympathiegefühl für alles und jeden verströmen lässt. Das ist doch Humbug,
ein Hirngespinst, das jeder schon mal erfinden wollte. Auf der Basis von Lysergaminoacethylensulphat-III
will er seine Automatic Sympathy Drug, kurz ASD, entwickeln, der Spinner!"

"Hört sich interessant an," meinte Polterum ungerührt. "Lassen Sie ihn doch eine Testmenge herstellen!"

"Dazu sind allein Investitionskosten von 10.000 Euro notwendig, hat er kalkuliert. Und wenn man
zu gesicherten Testergebnissen bei Tieren und Menschen kommen will, kostete das noch einmal 5.000 Euro.
Ist doch purer Unsinn. Na ja, er heißt ja auch Unsinger."

"Ja, das ist allerdingsviel Geld in unserer Situation," gab Polterum zu. "Schade. Und wie lange
würden Entwicklung und Tests dauern?"

"Angeblich drei bis vier Wochen. Herr Polterum, das ist doch alles Humbug! Das können Sie einem
alten Entwicklungshasen glauben," sagte Hoose. Er versank wieder in hoffnungslosem Stumpfsinn.

"Nee, soviel Zeit habe ich nicht mehr, wenn die Sache so unsicher ist." Polterum schüttelte den Halbglatzkopf.
Doch dann hielt er plötzlich inne. "Wenn sie wirklich unsicher ist! Das behaupten ja nur Sie, und sich auf Ihr Urteil zu verlassen,
wäre sträflicher Leichtsinn, Sie Entwicklungshase!"
Er nickte Dr. Hoose aufmunternd zu. "Jetzt bin ich neugierig. Lassen Sie mal diesen Unsinger herkommen, am besten gleich!"

"Sie wollen..." Hoose schreckte aus seinem Stumpfsinn hoch. "Den Unsinger? Hierher?"

"Ja, Sie werden`s nicht glauben, aber Sie haben sich nicht verhört:" Anton Polterum grinste zum ersten Mal
an diesem fürchterlichen Freitagmorgen so breit, dass seine beiden goldenen Eckzähne im Sonnenlicht blinkten.

"Ja, aber..." Hoose erhob sich schwerfällig, als wiege er drei Zentner. "Ich warne Sie vor seinen abstrusen Ideen!"

"Und ich warne Sie vor seinen Ideen!" konterte der Alte und seine Goldzähne verschwanden wieder hinter
grimmigen Hängebacken. "Wenn die nämlich was taugen, dann verlange ich von Ihnen und Hautin, dass Unsinger
die Entwicklungsabteilung übernimmt. Wenn Sie sich sperren sollten, werde ich ebenfalls verkaufen, aber nicht,
ohne mir Herrn Unsinger für neue Aufgaben zu sichern. Also her mit ihm!"

"Ja - jawohl, Herr - Herr Polterum," stammelte Dr. Hoose und stürzte ins Vorzimmer. "Eine Verschwörung,"
murmelte er fassungslos vor sich hin. "Das ist ja eine - perfide Verschwörung!" ....

Kapitel 3

Während unter dem strengen Blick des in Öl gemalten Firmengründers Friedrich-Eitel Polterum betretenes Schweigen
herrschte und jeder der drei Männer angestrengt in eine andere Richtung starrte, schnarrte die Sprechanlage
auf Anton Polterums Schreibtisch. Aggressiv stieß er mit seinem dicken Zeigefinger auf die Taste.

"Was gibt`s?"

"Herr Polterum," meldete sich Barbarella Schönthals warme Stimme. "Ich soll Herrn Unsinger rufen?
Es ist doch schon elf.. Für jetzt ist doch dieser Herr Dr. Rainer Schaumberg bei Ihnen angemeldet.
Er muss jeden Moment - ah, da ist er ja schon!"

"Ja, macht nichts. Schicken Sie ihn herein, und den Herrn Unsinger können Sie ruhig dazurufen."

"Jawohl, Herr Polterum."

"Wer ist Dr. Schaumberg?" fragte Hautin unsicher.

"Das ist ein Biochemiker und Physiker, Inhaber eines selbständigen Entwicklungslabors.
Wenn das eigene Entwicklungslabor nichts taugt, muss ich mir brauchbare Erfindungen
eben von anderer Seite anbieten lassen."

"Eine Erfindung?" Dr. Hoose stutzte und schnupfte eine neue Prise. "Was für eine Erfindung?
Warum haben Sie nichts davon gesagt?"

"Was es für eine Erfindung ist, weiß ich selbst noch nicht, mein lieber Dr. Hoose."
Polterum lächelte kalt wie ein Haifisch. "Aber wenn ich hier die Sache nicht selbst in die Hand nehme,
passiert ja hier nicht viel mehr als Tabak-Schnupfen... Ah, guten Tag, Herr Dr. Schaumberg!"
begrüßte er den hereintretenden Gast, einen seriös aussehenden hochgewachsenen Mann
mit grauem Seitenhaar und goldgefasster Brille. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

"Bitte, nehmen Sie doch Platz. Frau Schönthal wird uns einen Kaffee bringen. Entschuldigen Sie,
dass ich neulich auf dem Kongress keine Zeit hatte, mir Ihr Angebot genauer anzuhören.
Aber ich musste einfach zum Flughafen."

"Macht doch überhaupt nichts, Herr Doktor Polterum," stilisierte Dr. Schaumberg den Chef hoch
und lächelte gnädig. "Hauptsache, Sie haben heute mal ein halbes Stündchen Zeit."

Er reichte den beiden Geschäftsführern eine gepflegte Hand.
"Die Herren Hautin und Dr. Hoose sind aus der Marketing- und der Entwicklungsabteilung," sagte Polterum.
 "Ah, und da kommt ja auch unser Herr Unsinger, Biochemiker aus unserer Entwicklung."

Barbarella Schönthal führte ihn belustigt herein, einen schüchtern wirkenden jungen Mann
mit schwarzer Lockenpracht, traurig herabhängendem Schnurrbart und dunklen
sanften Augen hinter einer Nickelbrille.

"Kommen Sie, Herr Unsinger, ziehen Sie den weißen Kittel aus und setzen Sie sich zu uns!"
Anton Polterum strahlte jovial und streckte ermunternd seine dicke Hand aus.

Waldemar Unsinger zog hastig den Kittel aus, den ihm Barbarella Schönthal, seine heimliche Liebe,
mit atemberaubendem Lächeln abnahm. Dann kam er irritiert näher. Mit einem großen Fragezeichen
im verwirrten Blick ergriff er vorsichtig und unsicher Polterums und dann Dr. Schaumbergs Rechte.
Ihm kam es nicht geheuer vor, dass er zum ersten Mal zum gefürchteten Herrn Polterum persönlich bestellt
worden war. Wollten sie ihn etwa feuern? Er warf einen scheuen Blick zu Hoose hinüber und erschrak
vor dessen feindseligem Blick bis in die Knochen. Also doch!

"Das ist Herr Dr. Schaumberg, ebenfalls Biochemiker." Polterum sprach es sehr freundlich.
"Aber kommen Sie und setzen Sie sich doch. Kaffee?"

Die hatten also schon seinen Nachfolger. Oder was sollte dieser Biochemiker sonst hier?
Mit Doktor-Titel natürlich und mit weltmännischem Auftreten - was ihm selbst völlig abging.
Er war eben einfach zu schüchtern.

Langsam setzte er sich, jedoch aus Versehen auf die Armlehne des Sessels. Dieser kippte,
und Waldemar schoss zusammenzuckend hoch.
"Oh, entschuld...," entfuhr es ihm. Endlich fand sein Hintern die Polstermulde des modernen Chrom-Leder-Sessels.

Barbarella Schönthal kam mit der Isolierkanne und goss allen Kaffee ein.

"Herr Unsinger? Nehmen Sie Milch, Zucker oder beides?"

Unsingers blasses Gesicht bekam einen rosa Schimmer. "Oh, wenn ich so tolldreist sein darf - beides.
Aber Kaffee auch, bitte."

"Ha, ha," dröhnte Dr. Schaumberg und stellte seinen teuren Krokoleder-Laptop-Koffer ab.
"Ein echter Witzbold, Ihr tolldreister Herr Unsinger. Spielt er öfter so den Tolldreisten?"

"Ja!" sagte Polterum. Er setzte sich ebenfalls in einen Sessel. "Jeder hat eben so seine Masche.
Der gute Unsinger fängt die Mäuschen eben mit seiner raffiniert zur Schau gestellten Unbeholfenheit."
Krachend schlug er dem erschrockenen Waldemar auf die Schulter. "Was, Unsinger?" Er wandte sich wieder
Dr. Schaumberg zu. "Sie sollten mal sehen, wie das heute bei den Weibern ankommt! Die stehen da drauf und
reißen sich die Beine aus, um ihn zu bemuttern. Weltmännische Sicherheit strahlt doch heute jeder aus,
der schon mal auf Lanzarote war - aber Schüchternheit, das ist heute die seltenste und provozierendste Masche."
Er sah Unsinger stolz an. "Waas? Oder warum spielen Sie sonst so den Schüchternen?"

"Vielleicht habe ich zuviel studiert?" Waldemar zuckte die Schultern. "Vielleicht weiß ich zuviel.
Da bleibt man nicht unbefangen."

"Er weiß zuviel, haben Sie das gehört?" fragte Polterum. "Waldemar, der schüchterne Philosoph!"

Dr. Schaumberg griente gönnerhaft. Nur Hautin und Dr. Hoose verzogen krampfhaft ihre schlaffen Gesichtszüge
zu grinsenden Grimassen.

"Doch zurück zum Thema." Polterum wurde plötzlich ernst. Ihm war die Situation der Firma wieder
ins Bewusstsein gedrungen. "Ich habe Sie dazugerufen, Unsinger, damit Sie als ideenreicher Biochemiker dabei sind,
wenn uns Herr Dr. Schaumberg, Inhaber eines privaten Labors, jetzt eine neue biochemische Erfindung anbieten
und erläutern wird. Bitte, Herr Dr. Schaumberg!"

"Dschja!" Ruckartig packte der dynamische Biochemiker seinen teuren Laptop-Koffer und schwang ihn
auf den Besprechungstisch. Demonstrativ ließ er dessen Schösser aufschnappen, nahm zeremonienhaft sein Notebook
heraus, klappte den Monitor hoch und setzte seinen Schoß-Computer in Gang, während er zwischendurch seinen Kaffee
schlürfte. Dazu hob er vorsichtig, als hielte er eine hauchdünne Blattgoldfolie in den gepflegten Händen,
 mehrere zusammengeheftete cremefarbene Bogen aus dem Koffer, befreite mit der Linken eine Stelle a
uf der Glasplatte des Tisches sorgfältig von imaginärem Staub und deponierte die Bogen dort wie einen wertvollen Schatz.

Gebannt starrten die Umsitzenden auf das Zeremoniell.

"Dann wollen wir mal, meine Herren," begann der eindrucksvolle Biochemophysiker und blickte
Anton Polterum direkt in die Pupillen.

"Ich deutete Ihnen ja schon bei unserer Begegnung auf dem Biochemophysikalischen Bundeskongress
in Baden-baden an, Herr Dr. Polterum..."
"Polterum, nur Polterum, bitte" korrigierte der Alte nicht ungeschmeichelt.
"... dass meinem hiesigen Biochemophysikalischen Labor eine Erfindung gelungen ist, die wissenschaftlich umwälzend,
ja weltbewegend werden dürfte. Allerdings sagte ich neulich noch nichts Näheres darüber, aus verständlichen Gründen.
Ich konnte auf keinen Fall das Risiko eingehen, dass etwas davon auf dem Kongress durchsickerte. Nicht,
bevor ich meine Rechte beim Deutschen Patentamt gesichert hatte. Allerdings benötige ich nunmehr die Hilfe
eines Partners aus der Industrie. Eines Partners, der die finanziellen Mittel bereitstellt, damit wir die Testversuche
an Tieren auf größere Testreihen mit menschlichen Versuchspersonen ausdehnen und Entwicklung, Produktion und Vertrieb
übernehmen können. Und da dachte ich an so ein seriöses Unternehmen wie das Ihre, Herr Polterum."

"Aha," sagte Polterum interessiert und vorsichtig zugleich.
"Aha," meinten auch Dr. Hoose und Hubert Hautin. Nur Waldemar Unsinger sagte nichts.

"Und dieses umwälzende Präparat, was wäre das?" fragte Polterum.

Dr. Rainer Schaumberg lächelte breit und richtete seinen Oberkörper auf. "Es klingt fast unglaubwürdig,
so sensationell ist es."

"Ja, ja, und?" Polterum beugte sich hochgespannt vor.

"Tja, es handelt sich um ein Pillen-Präparat, mit dem es gelingt, Lebewesen zu entmaterialisieren."
Genüsslich lehnte er sich zurück, nahm die Kaffeetasse, schlürfte und blickte über den Tassenrand auf die
aus der Versteinerung zum Leben erwachende Gruppe.
"Was? Wie? Entmaterialisieren?" meinte Dr. Hoose konsterniert. Er blinzelte kurzsichtig, als stünde die Behauptung
wie eine Feuerschrift im Raum.

"Unmöglich!" näselte Hubert Hautin mit großem Staunen.

"Haha, Sie wollen uns veräppeln." Polterum lachte ungläubig. "Kleiner Scherz zur Auflockerung, wie?"

"Dachte ich`s mir, dass es Ihnen schwerfallen wird, mir Glauben zu schenken. War auch nicht anders zu erwarten.
Schließlich habe ich es bei Ihnen mit ernsthaften und erfahrenen Fachleuten zu tun. Aber es tut mir leid, meine Herren,
ich muss Ihren Unglauben erschüttern. Das war kein Ulk, das war die reine Wahrheit."

"Unfassbar," murmelte Dr. Hoose. "Unglaublich," meinte auch Polterum.

Doch Schaumberg nickte. "Ich will Ihnen damit sagen: Wenn ich meinen Versuchstieren - bislang nur Ratten und
Meerschweinchen - das Präparat verabreiche, formt sich deren materielle Existenz binnen weniger Minuten
in eine nichtmaterielle Energie-Substanz um, und sie werden unsichtbar, solange die Wirkung des Präparates anhält -
ungefähr acht bis zehn Stunden lang. Das ist kein Witz. Diese Wirkungsweise hat einen Charakter,
der parapsychologischen Vorgängen gleicht..."

"Das Präparat ist demnach sehr stark ionisiert, nicht wahr?" fragte plötzlich Waldemar Unsinger,
der bisher total geschwiegen hatte. Als einziger schien er von der umwerfenden Neuigkeit nicht sonderlich überrascht.

"Donnerwetter! Kompliment. Herr Unsinger!" Dr. Schaumberg nickte anerkennend und spitzte die Lippen.
"Sie haben einen fähigen Entwicklungschef, Herr Polterum."

"Entwicklungschef ist Herr ..." begann Waldemar. "Psst!" zischte Polterum.
"Lassen Sie Herrn Dr. Schaumberg weitereden!"

Dr. Hoose stierte böse vor sich hin und nahm eine neue Prise Tabak. "Eine Verschwörung,"
murmelte er wieder in seine Bartflechte. "Ein Komplott."

"Also es ist so, wie Sie schon vermuten, Herr Unsinger," bestätigte Schaumberg. "Das Präparat - wir nennen es INVISIBLIN,
die Unsichtbarkeitsdroge - ist tatsächlich äußerst stark ionisiert. Wenn sich seine Bestandteile auflösen,
werden für acht Stunden im Versuchskörper positiv aufgeladene Teilchen ausgesendet, die sich an die negativ
geladenen Elektronenhüllen der Atome des Versuchskörpers anlagern und diese durch Energieneutralisierung
vorübergehend unsichtbar machen.
Nach acht Stunden hat sich dann das Präparat soweit aufgelöst, dass in der Mitte ein Kern von
Diphenolenylmethanolchloridensulfat-Isotopen übrigbleibt, der nun nicht mehr positive, sondern negative Elektronen aussendet,
die die zuvor ausgesandten positiven Teilchen anziehen und sozusagen wieder einsammeln.
Und die Atome des Versuchskörpers werden wieder sichtbar!"

"Erscheint mir vorstellbar," Waldemar nickte ernsthaft. "Aber wie konnten Sie das Präparat so stark ionisieren?"

"Mittels eines brandneuen elektronischen Verfahrens, Herr Unsinger, das vorläufig selbstverständlich
mein Betriebgeheimnis bleibt. Aber die Ansätze dazu kann ich Ihnen nachher hier auf dem Monitor schon mal zeigen."

"Phänomenal!" meinte Anton Polterum und schürzte die blutleeren Lippen.

"Phänomenaler Quatsch," sagte Dr. Volker Hoose. "Hört sich theoretisch ganz schön an.
Aber ich glaube an solchen Humbug nicht. Ich glaube nur, was ich im Versuch eindeutig sehen und belegen kann."

"Und wenn Sie etwas nicht mehr sehen, was Sie gerade eben noch gesehen haben, glauben Sie es dann?"
fragte Dr. Schaumberg hochmütig.

Dr. Hoose zuckte skeptisch die eckigen Schultern und nahm eine neue Prise Schnupftabak.

"Nun gut, meine Herren." Dr.Schaumberg lächelte siegessicher. "Niemand verlangt, dass Sie die unsichtbare Katze im Sack
kaufen sollen. Kommen Sie in mein Versuchslabor hier in Hamburg und überzeugen Sie sich mit eigenen Augen
von dieser revolutionären, bahnbrechenden Erfindung." Er nahm die Bogen vom Tisch und reichte sie Unsinger.
"Das hier war die Formel der ersten Entwicklungsstufe. Die Formel des fertigen INVSIBLIN liegt selbstverständlich
bei mir im Safe und im Computer ist sie doppelt verschlüsselt und gesichert."

"Wenn Sie mich fragen, ich halte das für ausgemachten Schwindel," sagte Dr. Hoose mit grimmigem Blick.

Dr. Rainer Schaumberg zog seine buschigen Brauen noch höher, lehnte sich erstaunt zurück und blickte auf Hoose,
als betrachte er ein seltenes Tier. "Herr... - wie war doch gleich Ihr allerwertester - äh, Name?" fragte er gedehnt.

"Hoose, Dr. Hoose," knurrte das `seltene Tier`. "Ich bin hier nebenbei als Entwicklungschef beschäftigt,
wenn Sie nichts dagegen haben."

"Ach soo!" Schaumberg ließ die Luft ab. "Sie machen nur Scherze." Er lächelte. "Wie viele Entwicklungschefs
gibt`s denn hier? Ja also, wie ist es, meine Herre? Wollen wir nicht einen Termin vereinbaren? Vielleicht gleich morgen, Samstag?
Da bin ich allein im Labor und ungestört."

"Ja, da sollte vielleicht doch mal jemand hingehen," sagte Polterum und sah suchend um sich.
Er selbst war sich dafür zu schade, sich darauf wirklich einzulassen."Da sollten Sie vielleicht mal hingehen, Herr Dr. Hoose."
Er nickte dem Entwicklungschef zu.

"Ich!?" Hoose fuhr fast aus der Hose. "Wieso denn ich? Ich mache mich doch nicht lächerlich! Vielleicht geht Herr Hautin hin.
Er ist nur Betriebswirt und kein nahmhafter Wissenschaftler. Ich setze mein gutes
wissenschaftliches Image nicht für eine Blamage auf`s Spiel!"

"Den Wert Ihres Images schätze ich realistischer ein als Sie, Hoose." Polterum winkte ab und wandte sich Hautin zu.
"Aber vielleicht gehen Sie wirklich hin, Hautin."

Der Marketingchef erwachte aus seiner Lethargie.

"Kommt nicht in Frage, dass ich mich als wissenschaftlicher Laie in solche Sachen hineinziehen lasse,"
sagte er erschrocken. "Dann bin ich hinterher der Dumme."

"Hinterher?" fragte Polterum anzüglich und griente beziehungsreich."Wieso hinterher?"

"Wie ist es denn mit Ihnen, Herr Polterum?" fragte Hautin leicht gehässig. "Warum gehen Sie nicht selbst?
Ihnen liegt doch am meisten daran!"

"Ich - habe gar keine - Zeit." Polterum schüttelte den Kopf, dass die Hängebacken wabbelten.
"Ich habe die ganzen nächsten Tage Termine rund um die Uhr."

"Schicken Sie doch den Unsinger!" rief Dr. Hoose hämisch. "Als großer Wundergläubiger ist er doch der richtige Typ,
um sich jeden Humbug auf die pickelige Nase binden zu lassen!"

"Sie können mich ruhig da hinschicken, wenn Sie mir soviel Kompetenz zutrauen, Herr Polterum,"
warf Waldemar Unsinger bescheiden ein. "Und wenn ich mich blamiere... Ich habe ja keinen Ruf zu verlieren,
außer den des Spinners."

"Aber Herr Unsinger!" sagte Polterum.

"Doch, doch." Waldemar nickte schüchtern. "Und nur wer nichts zu verlieren hat, ist unbekümmert.
Vielleicht habe ich ja auch mal ein wenig Glück und stoße für Sie auf eine Goldader, sozusagen auf eine unsichtbare..."

"Ach, Unsinger, Sie sind ein Prachtkerl!" Polterum fielen ein paar Steine vom infarktgeschädigten Herzen.
"Genau! Sie gehen dahin! Aber werden Sie mir nicht unsichtbar!"

"Warum eigentlich nicht? Das wär doch die beste Lösung für uns alle!" war Dr. Volker Hooses
vieldeutiger Kommentar...

Kapitel 4

Am nächsten Tag, dem sonst arbeitsfreien Samstag, wollte Waldemar Unsinger ausnahmsweise einmal sehr früh aufstehen.
Schließlich war er auserwählt worden, als Repräsentant seiner Firma das Schaumberg-Labor aufzusuchen.
Seine resolute Vermieterin, Frau Emily Brachiala, die ihn früh wecken sollte, hatte jedoch den unheimlichen Verdacht,
dass sich ein fremdes weibliches Wesen der schüchternen Seele ihres Untermieters bemächtigt hatte.
Und vor lauter Verdachtschöpferei vergaß sie das Wecken - hatte sie doch seit geraumer Zeit selbst beide Basedow-Augen
auf den hoffnungsvollen Biochemiker geworfen, da sie des Alleinseins müde und andererseits so wenig anehnlich war,
dass so sie leicht keinen Partner finden konnte, der vor ihr nicht alsbald ie Flucht ergriff.

Leider hatte aber der ahnungslose Waldemar keine Antenne für die liebende Psyche seiner molligen Obdachgebieterin.
Sollte doch das vermeintliche mannstolle Biest , das ihr den unschuldigen Biochemiker vor der breiten Nase wegschnappen wollte,
auf ihren Waldemar warten, bis sie schwarz wurde. Denn sicher war sie superblond und schlank,
das ganze Gegenteil von ihr, der echt rheinländisch-molligen Schwarzen.
Und so geschah es, dass Waldemar an diesem für seine Firma so wichtigen Samstag statt um halb acht
erst Viertel vor neun aufwachte.. Schlaftrunken tastete er nach dem elektronischen Wecker, den er sowieso nie hörte,
und hielt ihn dicht vor die brillenlosen Augen.

Als der fortgeschrittene Stand der Zeiger in sein Bewusstsein drang, erschrak er bis ins Mark.
Explosionsartig federte er hoch und schleuderte die bunte Bettdecke weg. Fluchtartig stolperte er aus den Kissen
und blieb mit dem Gummizug seines Schlafanzug-Hosenbundes an der Bettstelle hängen.

"Frau Brachiala!" schrie er gegen die geschlossene Tür. Er zerrte aufgeregt an dem Hosenbund,
bis er ihn gelöst hatte.

"Ich ko-o-o-omme!" rief die nicht weit von Waldemars Tür entfernt stehende Obermieterin.
"Se müssen aufsteh`n! Et is`schon nach halb acht." Resolut wie immer packte sie die Klinke
und drückte Waldemars Tür weit auf.

"Ja, fünfundsiebzig Minuten nach halb acht!" rief Waldemar irritiert und vorwurfsvoll.
"Auf meinem Wecker ist es schon dreiviertel neun. Ach Gott, was mach`ich bloß? Um neun bin ich verabredet!"
Er fasste sich an seinen Kopf. In diesem Moment riss sein lädierter Hosenbund vollends,
und seine Hose fiel wie der letzte Schleier der Maja.

"Oh! Wawas ist d - denn das?" kreischte er. Er fing die Hose gerade noch über der völligen Blöße auf.
Nur die tiefe Schamröte konnte er nicht mehr abfangen. Die schoss ihm in das noch nachtbleiche Gesicht.

Und was er ebenfalls nicht verhindern konnte, war, dass er auf sein rechtes Hosenbein trat,
sein Gleichgewicht verlor und mit krampfhaft festgehaltener Hose seiner verliebten Wirtin vor die stämmigen Füße fiel.
"Au!" schrie er, denn seine Haltung hatte es ihm unmöglich gemacht, sich abzustützen.

Da lag er nun, ein Häuflein schamrotes Unglück. Mit der einen Hand hielt er seinen schmerzenden Schädel,
mit der anderen den Hosenbund.

"Aber Herr Waldemar! Wat machen Sie denn?" Emily Brachiala stand auf der Türschwelle und
stemmte grienend die fleischigen Arme in die noch fleischigeren Hüften. "Steh`n Sie neuerdings immer so stürmisch auf,
wenn isch Sie wecke?"

"Wieso wecke?" fragte Waldemar. Er bemühte sich umständlich aufzustehen. Doch er tanzte immer noch
auf dem rechten Hosenbein herum. "Wieso wecke? Sie haben mich ja gar nicht geweckt, wie verabredet.
Wie komm`ich denn bloß noch rechtzeitig zu meiner Verabredung?"

"Ja, da wird wohl mein`Uhr wat nachjehen." Sie zuckte die Schultern und bückte sich.
"Kommense, Herr Waldemar, isch helfe Ihnen. Hebense man dat Bein hier an, aber fallense nit wieder!"

"Danke, ich komme schon zurecht, Frau Brachiala," sagte Waldemar. Aber Frau Brachiala hatte schon sein Bein gepackt.
Nun zog sie ihm das überhängende Stück Hosenbein hoch. Aber sie tat das so resolut, wie es eben ihre Art war -
und nicht ohne Absicht! Denn wenn das gebildete Mannsbild zu schüchtern war, musste sie eben mit
echt weiblicher List nachhelfen.

Ihr Rechnung ging auf, und Waldemar ermangelte es erneut an Gleichgewicht. Da er aber die Hose nicht loslassen konte,
fiel er wieder um, aber diesmal ziemlich weich. Denn Emily Brachiala fing ihn geistesgegenwärtig
mit ihren starken Armen auf.

"Um Gottes Willen, Fr - Frau Brachiala!" entfuhr es Waldemar erschrocken. "Nicht doch! Ich bin noch Junggeselle!"

Er war peinlich berührt. Es durchlief ihn ein Schauer, und vorsichtig versuchte er aus der weichen,
aber festen Umklammerung zu entkommen. Aber so war gegen Emilys brachiale Entschlossenheit nicht anzukommen.
Sie hielt ihn eisern fest.

"Ruhig, Herr Waldemar, janz ruhig!" flötete sie besänftigend in sein Ohr. "Aber sagense doch nit immer
Frau Brachiala zu mir. Sagense doch janz einfach Emily! Dann sag`isch zu Ihnen auch Waldi!"

"Nein, nein, um Gottes Willen," rief Waldemar in Panik. "Ich bin doch nicht Ihr Dackel!"
Mit dem freien Arm ruderte er wild in der abgestandenen Schlafzimmerluft herum.
 "Ich muss doch zu meiner Verabredung. Die ist wichtig, sogar lebenswichtig!"

"Aha!" Die Brachiala fuhr entrüstet auf und ließ Waldemar ruckartig los, so dass sein Hinterkopf
gegen die Schranktür gongte. Aber nun war er wenigstens restlos wach.

"Wat für `en Verabredung? Und lebenswischtisch?" fragte sie höhnisch.
"Dat isch nit lach`- von wegen lebenswischtisch. So wichtig solltense die Mädchen aber nit nehmen, Waldemar.
Denkense mal lieber darüber nach, wer immer alles für Sie besorgt. Diese Person ist für Sie
bestimmt viel lebenswischtischer. Denkense mal wirklich wat drüber nach!"

Wütend vor Eifersucht stürmte sie aus Waldemars möbliertem Appartment und knallte die Tür hinter sich zu.

Mit dieser ungeheuer wichtigen Verabredung vor Augen und der mannstollen Wirtin hinter sich gelang es ihm
ausnahmsweise, doppelt so schnell wie gewöhnlich rasiert, angezogen und startbereit zu sein.
Ungewaschen und mit leerem Magen, dafür aber um so besser parfümiert stürzte er an der mit Krokodilstränen
in den Basedow-Augen zeternden Emily vorbei auf die Karolinenstraße.

Er warf sich in seinen VW Lupo und stob mit durchdrehenden Rädern davon, als sei der Leibhaftige in Frauengestalt
hinter ihm her. Doch an der Ecke Marktstraße kam der kleine blaue Wagen ins Schleudern.
Waldemar konnte ihn gerade noch vor der nächsten Kurve abfangen und fluchend zum Stehen bringen.

"Verdammte Exkremente!" schimpfte er. "Was ist denn jetzt in die Kiste gefahren?
Hat sich denn heute alles gegen mich verschworen?"

Aber nur eine Person hatte sich gegen sein heutiges Vorhaben verschworen - eben Emily Brachiala.
Das sollte ihm gleich wie Schuppen von der Nickelbrille fallen. Denn als er ausstieg und einmal
rund um sein Wägelchen herumrannte, erkannte er, dass ihm jemand die Luft aus den Reifen gelassen hatte.
Alle Ventile waren aufgedreht.

"Diese Schlange!" zischte er voll ohnmächtiger Wut und reckte drohend die Faust gen Norden
zum Karolinen-Viertel, wo Emilys Wohnung lag. Sie war ihm in den letzten Wochen immer aufdringlicher auf den Pelz
gerückt, und nun sabotierte sie auch noch in unbegründeter, wahnwitziger Eifersucht seine sonstigen Verabredungen.
Dabei hatte er noch nicht eine einzige Verabredung mit seiner wirklich Angebeteten erreicht,
da ihn diese stets nur belustigt lächelnd hatte abblitzen lassen.

Kein Wunder. Diese Barbarella Schönthal, Anton Polterums und Dr. Hooses gemeinsame bildschöne Sekretärin,
konnte ganz andere Männer als einen schüchternen Nickelbrillenträger bekommen. Sogar ihren Chef, Dr. Hoose selbst,
hätte sie haben können. Aber auch diesen pflegte sie nur an der Schnupftabak-Nase herumzuführen.

Waldemar rannte die ganze Karolinenstraße in südlicher Richtung bis zum Oberlandesgericht
am Sievekingplatz hinunter. Endlich sah er ein leeres Taxi und winkte aufgeregt. Der helle Mercedes
stoppte quietschend neben ihm.

"Na, junger Mann, wo brennt`s denn?" fragte der Fahrer.
"Ballindamm, Ecke Alstertor!" keuchte Waldemar. Er sprang auf den Rücksitz, nicht ohne sich dabei
den Lockenkopf am oberen Türrahmen zu stoßen.
Sie fuhren wie die Feuerwehr und fünf Minuten später waren sie schon da. Denn der Ballindamm
an der Binnenalster lag praktisch nur um die Ecke.

"Macht zwei siebzig," brummte der Fahrer. "Noch ein paar solche Fahrten heute und ich bin ein gemachter Mann."

Waldemar krammte in seinen Taschen und erbleichte. Bei seinem übereilten Aufbruch hatte er vergessen,
sein Geld einzustecken.

"Verdammt! Jetzt habe ich mein Geld vergessen. Was machen wir denn da?"

"Auch das noch!" schimpfte der Taxifahrer. Waldemar kam eine rettende Idee. Er zog seinen Golddoublee-Ring,
ein ungeliebtes Geschenk der ungeliebten Emily Brachiala, vom Finger und reichte ihn dem Fahrer.
"Nehmen Sie den. Mit echtem Schwarzkiesel. Der ist zehnmal so viel wert. Ich schenke ihn Ihnen."
Und raus war er. "Aber wenn Sie wollen, kommen Sie in einer Stunde wieder. Da fahre ich wieder nach Hause."
Der Fahrer drehte den Schwarzkiesel-Ring zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her.
"Na, Herrmann," sagte er zweifelnd zu sich selbst. "Wenn der echt ist, will ich Herrmann heißen.
Hoffentlich heiße ich Herrmann."

         ---------------

Waldemar Unsinger klingelte keuchend und mit aufgelöster Lockenpracht kurz nach halb zehn
an der Tür mit dem Alu-Schild: "BCP-Laboratorium, Privatlabor für biochemophysikalische Forschung."

Da es Samstag war und Dr. Schaumberg an diesem Tag allein im Labor sein wollte, erwartete Waldemar auch,
dass dieser ihm öffnete. Aber es war ein ganz anderer, der ihm mit freundlich-distanziertem Lächeln die Tür offen hielt.
Ein großer schwerer, teuer gekleideter Herr mit randloser Brille und Brillantringen an den dicken Fingern.

"Kommen Sie rein. Herr Dr. Schaumberg erwartet Sie, Herr Unsinger."

"Oh, vielen Dank, ich bin leider etwas spät, weil mich meine ..." Waldemar biss sich auf die Zunge,
denn das gehörte schließlich nicht hierher.

"Das habe ich gemerkt, Herr Unsinner. Kommen Sie nur endlich herein!" rief Dr. Schaumberg ungeduldig.
"Je später die Gäste, desto wichtiger sind sie, wie? Oder messen Sie diesem Besuch etwa keine besondere Bedeutung zu?"

Aus dem Halbdunkel des Büroflurs heraus ergriff der mit einem weißen Kittel bekleidete Dr. Schaumberg
Waldemars zögernde Hand, schüttelte sie und zog ihn durch eine weitere offene Tür.

"Unsinger, nicht Unsinner," verbesserte Waldemar entschuldigend. "Ich halte den Besuch schon für bedeutend..."

"Das verstehen Sie aber gut zu verbergen," sagte Schaumberg zu seinem linkischen und gehemmten Kunden.
Der dümmliche Kerl wusste ja vor Unsicherheit nicht, wo er seine Arme und Beine unterbringen sollte.
Und so ein unterentwickelter Knabe war bei PPP nun Entwicklungsexperte. Kein Wunder, dass es dem Saftladen
 trotz seiner Größe schlecht ging, wie er von seiner derzeitigen Freundin, einer PPP-Sekretärin, wusste.

Dr. Rainer Schaumberg lotste Unsinger in einen größeren, leicht dämmerigen Labor-Raum. In diesem waren
mit allerlei elektronischen Geräten ausgerüstete Tierkäfige aufgebaut. Tiere waren keine zu sehen.
Schaumberg wies auf einen von zwei Stühlen, die gegenüber den Käfigen aufgestellt waren.

"Bitte, setzen Sie sich dorthin. Sie kommen etwas spät, mein Lieber. Ich habe nämlich schon
ein Meerschweinchen unsichtbar gemacht und damit Herrn Direktor Henkelbracht von der Brodelbach Chemiee ..."
 Er wies auf den großen schweren Mann mit der randlosen Brille, der sich neben Waldemar
auf dem zweiten Stuhl niederließ. "...bereits sehr beeindruckt. Nicht wahr, Herr Henkelbracht?"

Der schwere Mann nickte ernst und gewichtig. Dann sah er Waldemar an und meinte: "Ich war ja erst
ziemlich skeptisch, aber die Demonstration hier hat mich restlos überzeugt."

"Ich bin sehr interessiert, Herr Dr. Schaumberg," sagte Henkelbracht zu dem Wissenschaftler.
"Aber bevor ich eine endgültige Zusage mache, möchte ich noch einmal sehen, wie Sie solch ein Versuchstier
entmaterialisieren. Denn jedes Experimentalergebnis muss wiederholbar sein.
Erst dann kann man es als gesicherte wissenschaftliche Tatsache werten."

"Sehr richtig, Herr Henkelbracht," bestätigte Schaumberg. "Wie Sie sehen, Herr Unsinger, haben Sie
bereits Konkurrenz bekommen. Selbstverständlich habe ich meine neue Entwicklung auch der Brodelbach Chemiee
 angeboten. Denn es ist das Recht jedes Erfinders, seine Erfindungen an den Meistbietenden zu vergeben.
Nun, Sie sehen - Herr Direktor Henkelbracht ist erstens persönlich und zweitens pünktlich erschienen,
was von seinem großen Intertesse zeugt. Die PPP dagegen schickt nur einen Entwicklungsmann
 in untergeordneter Position, und dieser erscheint nicht einmal zur verabredeten Zeit. Legen Sie überhaupt noch
Wert auf die Testdemonstration oder sind Sie gar nicht mehr am Erwerb des INVISIBLIN-Patents interessiert?"

Waldemar schoss das Blut abermals in das schüchterne Antlitz, und er hätte sich am liebsten
durch das Kunststoffgeflecht seiner Stuhlsitzfläche verkrochen. Oh, war ihm das Ganze peinlich.
Wenn seine Chefs von seiner Verspätung erfuhren, dann - gar nicht auszudenken.

"Entschuldigen Sie, ich bitte vielmals um Entschuldigung," stotterte er und wurde auf dem Stuhl immer kleiner.
"Aber Sie waren doch selbst dabei, als Herr Polterum mich und nicht Herrn Dr. Hoose dazu bestimmt hat,
hierher zu kommen."

"Das ist zwar richtig, aber aus dem Benehmen Herrn Polterums musste ich ja schließen, Sie, Unsinger,
seien der Entwicklungschef der PPP," erklärte Dr. Schaumberg in scharfem, vorwurfsvollem Ton.
"Erst später am Empfang erfuhr ich zufällig, dass Dr. Hoose Ihr Entwicklungschef ist. Na ja,
also bleiben Sie nun hier und sehen Sie sich die Wiederholung meines Experiments an, ja?"

"A...aber ja, na...natürlich, sicher, gar keine Frage," stammelte Waldemar angstvoll.
Er fürchtete, Dr. Schaumberg könnte ihn wieder hinauswerfen.

"Na ja, dann," sagte Schaumberg seufzend. Er tippte auf einen Schalter. Ein scharfer Lichtstrahl
fiel auf einen Käfig.

"Verzeihen Sie unseren kleinen Disput, Herr Henkelbracht." Dieser hob vergebend die Hände.

"Ich bitte Sie," sagte er verständnisvoll. "Ich kann das verstehen. Sie hätten gern ein Gegenangebot
gehabt, um sicher zu sein, dass ich Ihnen eine ausreichend hohe Summe geboten habe."

"Eigentlich schon," sagte Dr. Schaumberg schulterzuckend. "Aber andererseits bin ich mit Ihnen
schon so weit in den Verhandlungen fortgeschritten - da möchte ich auch keine Verzögerung mehr in Kauf nehmen."

Waldemar durchfuhr es siedend heiß. Au weh! Wenn dieser Henkelbracht nun der PPP die Erfindung
vor der Nase wegschnappte, würde es ein fürchterliches Polterum-Gewitter geben, und er konnte sich
einen neuen Job suchen. Und das bei seiner totalen Schüchternheit!

Dr. Schaumberg rieb sich die Hände. "Achten Sie jetzt bitte genau darauf, was ich tue," sagte er.
Er trat hinter die Käfige und schaltete eine weitere Lampe an. Auf einem kleinen Schaltpult drückte er
auf ein paar Knöpfe und an zwei Käfigen klappten die vorderen spiegelblanken Alu-Verkleidungen nach unten.
Zum Vorschein kamen zwei kleinere Käfige, die in die größeren Käfige eingelagert waren. In jedem dieser
engen Drahtbehausungen saß ein Versuchstier - ein weißes Meerschweinchen in dem einen
und eine junge Ratte in dem anderen.

"So, jetzt passen Sie genau auf!" sagte Dr. Schaumberg. Er zog ein Glasröhrchen aus einer
elektronischen Vorrichtung. In dem Röhrchen befanden sich ungefähr fünfzehn erbsengroße Pillen.

"Hier drin ist mein neues Präparat INVISIBLIN in stark ionisiertem Zustand."

Er nahm eine Pinzette vom Tisch, öffnete den Gummistopfen des Glasröhrchens und holte eine
der Pillen heraus. Triumphierend hielt er sie einen Moment hoch. Dann öffnete er mit der linken Hand
den kleinen Käfig. Die junge Ratte rannte sofort in ihren größeren Käfig und schnüffelte an ihrem
leeren Futtertrögen herum. Wahrscheinlich war sie ziemlich ausgehungert.
Dr. Schaumberg schaltete jetzt verschiedene zusätzliche Lichtquellen in den Käfigen an.
Dann hob er den Deckel des größeren Käfigs und deponierte die INVISIBLIN-Pille
 in einem kleinen Futtertrog aus Plexiglas.

"Achtung, meine Herren, jetzt wird es interessant! Beachten Sie die äußerst ungewöhnliche Reaktion
des Versuchstieres, nachdem es das INVISIBLIN in sich aufgenommen hat!" rief der Wissenschaftler.

Die Ratte schnüffelte kurz an der unscheinbaren weißen Pille. Dann stürzte sie sich gierig darauf
und verschlang sie, als handele es sich um ihre Lieblingsspeise.

Einen Moment lang passierte gar nichts. Das scheinbar hungrige Tier regte sich nicht und schluckte
noch einmal tief. Aber dann ging es los. Waldemar Unsinger erlebte die
verblüffendste Tiervorstellung seines Lebens.

Erst begann das arme Tier plötzlich, wie wild im Kreis herumzurennen. Dann stockte es plötzlich in seinem Lauf.
 Irgendein eigenartiges Zischen ertönte, und rund um den Körper der Ratte bildete sich weißlicher Dampf,
der immer dichter und undurchdringlicher wurde. Da sich das Bild der Ratte in den hinter und neben ihr
befindlichen Spiegelwänden mehrfach spiegelte, sah es so aus, als verschwänden vier Ratten gleichzeitig
 im weißlichen Rauch. Waldemar und auch Direktor Henkelbracht beugten sich vor und blinzelten krampfhaft.
"Ionisierter Materiendampf, Sie verstehen?" murmelte Schaumberg leise dazu.

Die Konturen des Rattenkörpers lösten sich in dem dichten weißen Qualm, der stark nach Ozon roch,
allmählich auf. Man hörte nur noch ein erschrecktes Piepsen des Tierchens. Dann beugte sich Dr. Schaumberg vor
und pustete kraftvoll den weißen Qualm aus dem Käfig. Der Ozongestank erfüllte jetzt das ganze Laborzimmer.
Aber von der jungen Ratte fehlte jede Spur, obwohl der Käfig rundum geschlossen war. Aber plötzlich sah man,
dass die Sägespäne am Boden bewegt wurde. Von den unsichtbaren Füßen des Tieres!

"Sie ist weg!" hauchte Waldemar Unsinger ergriffen. Auch Direktor Henkelbracht rieb sich abermals
erstaunt das breite Doppelkinn.

"Unwahrscheinlich, ganz unwahrscheinlich," brummte er anerkennend. "Das verlief genauso wie
bei dem Meerschweinchen vorhin. Sagenhafte Erfindung. Was da der Menschheit für
ungeheure Möglichkeiten erwachsen!" Er erhob sich von seinem Stuhl.

"Ja, ungeahnte Möglichkeiten werden hiermit realisierbar," bestätigte Dr. Rainer Schaumberg selbstbewusst.
Er nahm die Füße von den unter den Labortischen angebrachten Fußtasten. Er stand auf und
 löschte die Lichtquellen.

"Wenn Sie dieses Präparat erwerben sollten, Herr Henkelbracht, eröffnen sich Ihnen vor allem große Möglichkeiten
für das Rüstungsgeschäft! Bedenken Sie, mit dem INVISIBLIN könnte man unsichtbare Heere aufstellen!
Der Gegner würde nicht mehr wissen, wie viele Soldaten man hat - und erst recht nicht,
wo man diese gerade stationiert hat."

"Das würde ich für ausgesprochen friedensgefährdend halten," wagte Waldemar einzuwerfen.
Doch Dr. Schaumbergs Zukunftsrausch ignorierte solche schnöden Einwände völlig.

"Oder welche Möglichkeiten sich einer unsichtbaren Polizei eröffnen!" fuhr er fort.

"Oder erst mal den Verbrechern," meinte Waldemar und gedachte mitfühlend dem bereits unter den
sichtbaren Bankräubern leidenden Kreditgewerbe. "Oder zum Beispiel den Geheimdiensten.
Spionage wird damit zum Kinderspiel. Und was machen die armen bestohlenen Warenhäuser?"

"Ja." Dr. Schaumberg lachte trocken. "Diese Erfindung wird unser tägliches Leben revolutionieren.
Sie wird allerhand weitere Erfindungen herausfordern."

"Der größte Segen aber wird sein," sagte Direktor Henkelbracht, "dass dann auch keine Diktatur mehr möglich
sein wird. Wer kann unsichtbare Bürger tyrannisieren? Niemand!"

!Sehr richtig! Da haben Sie recht, Herr Henkelbracht!" bestätigte Dr. Schaumberg.

"Aber eine Diktatur, die das INVISIBLIN ihren Bürgern nicht zugänglich macht, ist auch vorstellbar,"
gab Waldemar abermals zu bedenken. "Und das wäre furchtbar!"

"Ja, also, ich sehe, Sie haben wirklich zuviel studiert, Herr Unsinger," stellte Dr. Schaumberg missbilligend fest.
"Sie sehen überall nur Gefahren. Herr Direktor Henkelbracht denkt da praktischer und positiver!"

"Nun, solch eine Erfindung gehört in die Hände von weisen, verantwortungsvollen Männern," meinte Waldemar.
 Er dachte an Anton Polterum. "Dann sehe ich weniger schwarz."

"Ganz recht," meinte Henkelbracht nickend. "Zum Beispiel in meine oder in die Hände der Brodelbach Chemie.
Herr Dr. Schaumberg, ich danke Ihnen für die Wiederholung Ihrer sehr, sehr eindrucksvollen
Demonstration. Und ich erkläre Ihnen hiermit, dass ich am Erwerb der Herstellungsformel des INVISIBLIN
zu dem besprochenen Preis plus den laufenden Verwertungsvergütungen interessiert bin.
Die Firma PPP dagegen scheint nicht sehr angetan von dieser bahnbrechenden Erfindung zu sein.
Ich erkläre Ihnen hiermit, dass ich morgen mit Ihnen den Vertrag mache."

"Sie machen mich überglücklich, Herr Henkelbracht!" Der Wissenschaftler lächelte hocherfreut.

"Können Sie das Experiment für mich nicht ebenfalls wiederholen?" fragte Waldemar erregt.
Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Verdammt, er musste verhindern, dass dieser rücksichtslose Konkurrent,
dieser Henkelbracht, die Formel bekam. Jetzt half gar nichts mehr. Er musste jetzt Mut fassen und
das überaus große Interesse seiner Firma bekunden. Vielleicht konnte er den Erfinder noch bis morgen hinhalten.

"Zum Beispiel mit dem Meerschweinchen, das da noch herumhopst?" fragte er schnell weiter, und nun war er
gar nicht mehr gehemmt. "Aber ich möchte dem Experiment aus unmittelbarer Nähe beiwohnen.
Vielleicht können Sie mich hinter das Licht, äh, hinter die Käfige führen. Direkt neben Ihnen.
Ich glaube, dass ich im Namen meiner Firma PPP doch ein großes Interesse bekunden möchte.
Vielleicht ist Herr Polterum sogar bereit, mehr als Herr Henkelbracht für die Formel zu bezahlen!"

"Na, ich weiß nicht recht," meinte Dr. Schaumberg zweifelnd. "Oder möchten Sie den Vertrag jetzt gleich machen,
Herr Henkelbracht? Dann sollten Sie allerdings noch einmal fünfzigtausend für den Grundpreis der Formel drauflegen,
und Sie haben die Formel in der Tasche. Dann warten wir gar nicht erst bis morgen."

"Das geht leider nicht." Der dicke Direktor schüttelte den dicken Schädel. "Ich muss die Angelegenheit 
heute erst mit meinem Vorstand besprechen. Aber die Sache geht klar. Morgen früh um zehn machen wir

den Vertrag, und ich sage Ihnen schon heute, wir zahlen jeden Preis, den Ihnen die PPP bieten sollte -
und noch fünf Prozent mehr. Mit unserer Finanzkraft kann der alte geizige Polterum sowieso nicht mithalten.
Jeder Mann der Branche weiß doch, dass die PPP nicht gut im Geschäft liegt. Die stecken wir doch
allemal in die Tasche. Auf Wiedersehen. Hat mich gefreut, Herr Unsinger." Henkelbracht nickte gnädig
und wandte sich zur Tür. "Kann ich Sie noch einen Moment allein sprechen, Herr Dr. Schaumberg?"

"Aber selbstverständlich, Herr Direktor  Henkelbracht!" Der Wissenschaftler dienerte und

komplimentierte seinen hohen Gast durch die Tür.

"Bleiben Sie hier, ich bin in wenigen Minuten wieder da!" rief er Waldemar zu. "Meinetwegen führe ich Ihnen

das Experiment auch noch einmal mit dem Meerschweinchen vor, wenn ich Ihnen damit eine letzte Freude mache.
Denn wenn das INVISIBLIN erst der Brodelbach Chemie gehört, wird es Ihnen kaum noch Freude bereiten."
Sprach´s und schlug die Tür hinter sich zu.

O je, o je. Meine Firma ist verloren, dachte Waldemar entsetzt. Was soll ich bloß machen, um die Erfindung

doch noch für die PP zu retten?
Verzweifelt und bekümmert stand er auf und ging um die seltsamen Käfige herum. Da waren noch weitere

Aluminiumkästen mit Luftlöchern, in denen anscheinend weitere Versuchstiere saßen.

Da fiel sein trübsinniger Blick auf die Ionisierungsanlage und das Glasröhrchen mit den 14 oder 15 restlichen

INVISIBLIN-Pillen. Halt, das war die rettende Idee! Er musste ein paar Dinger davon einfach heimlich klauen
und im PPP-Labor analysieren lassen! Dann konte man dort vielleicht die Formel rekonstruieren.
Aber wie sollte er unbemerkt damit verschwinden? Ganz einfach! Wenn die Ratten von dem INVISIBLIN unsichtbar
wurden, musste er sich ja auch unsichtbar machen können, wenn er das Präparat zu sich nahm!

Schnell griff er zu dem Glasröhrchen mit den Pillen. Die Ratte war von einer Pille unsichtbar geworden,

da musste er mindestens fünf von den restlichen Pillen zu sich nehmen, damit er nicht etwa
nur halbdurchsichtig wurde. Er musste ja nicht lange unsichtbar bleiben.

"ZehnStück brauchten sie sicher zum Analysieren. Kurzentschlossen zog Waldemar den Gummistopfen

von dem Reagenzglas und schüttete den Inhalt in die vor Aufregung zitternde Hand. Er zählte zehn Stück davon ab
und steckte sie in die Jackentasche. Dann führte er die Hand mit den restlichen fünf Pillen eilig an den Mund
und würgte die Dinger heldenhaft durch seine trockene Kehle. Schließlich setzte er sich wieder auf seinen Stuhl.

Eine Zeit lang passierte überhaupt nichts. Waldemar befürchtete schon, es sei alles nur Schwindel.

Doch dann, nach etwa fünf Minuten, ging es plötzlich los. Erst rumorte es furchtbar in seinem Magen.
Dann trat kalter Schweiß auf seine bleiche Stirn. Die Laboratoriumsaufbauten mit den Tierkäfigen begannen
vor seinen Augen zu tanzen. Ihm wurde schwindelig und fürchterlich schlecht.
Er versuchte, sich von seinem Stuhl zu erheben. Doch plötzlich fiel ein schwarzer Samtvorhang von oben herab
vor seinen verschwommenen Blick und er spürte gar nichts mehr.

Aber nein, das stimmte nicht. Denn auf einmal sah er wieder die Tierkäfige vor sich, und das schlimme Unwohlsein

war wie weggeblasen. Er saß immer noch auf seinem Besucherstuhl.

Langsam und gefasst blickte er an sich hinunter - und erschrak dennoch. Da war nur die Sitzfläche des Stuhles

zu erkennen, nichts weiter! Mein Gott, er war wirklich unsichtbar! Er, der unscheinbare Waldemar Unsinger,
war der erste unsichtbare Mensch der Welt! Oder?

Kapitel 5

 
Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte ihn. Er stand auf und ging ein paar Schritte durch den Laborraum.

Immer wieder sah er an sich herunter und er sah – nichts! Nur den Fußboden! Ob hier vielleicht irgendwo
die Formel des sagenhaften INVISIBLIN zu finden war?
Doch in diesem Moment ging die Tür auf und Dr. Schaumberg betrat wieder den Raum. Waldemar erschrak
ein wenig und schlüpfte schnell durch die offene Tür hinaus. Denn wenn Dr. Schaumberg die Tür wieder
geschlossen hätte, hätte Waldemar nicht verschwinden können, ohne die Tür wieder zu öffnen.
Und dann hätte Dr. Schaumberg sofort Verdacht geschöpft.

„Nanu, wo ist denn dieser dämliche Unsinger?“ rief er aus. Waldemar drückte leise die Tür zum Treppenhaus
auf und huschte lautlos aus der zum Privatlabor umfunktionierten Etagenwohnung.

Er blickte auf seine Armbanduhr, aber es war unfassbar – die war ja jetzt auch unsichtbar! Eigenartig, dachte er,
dass alle toten Gegenstände, die ich am Leibe trage, ebenfalls unsichtbar sind. Auf sie hatte scheinbar
die Entmaterialisierung seiner stark ionisierten Körperzellen übergegriffen.
Wahrscheinlich durch die eigenelektrische Ausstrahlung.
 
Im Hausflur hatte jemand einen leeren Eimer stehen lassen. Er ergriff ihn, um zu sehen, ob auch er
unsichtbar wurde. Der Eimer blieb jedoch sichtbar. Die Entmaterialisierung schien sich Dingen,
die man einige Zeit danach in die Hand nahm, nur langsam mitzuteilen, so dass sie noch einige Zeit sichtbar blieben.
 
Nun gut, wie dem auch sei – er musste hier weg. Er stieß unten die Haustür auf und sprang auf die Straße hinaus.
Tatsächlich! Da parkte ja das Mercedes-Taxi von vorhin. Der Fahrer saß darin und las die Zeitung.
Schnell rannte Waldemar darauf zu, riss den hinteren Schlag auf und ließ sich in die Polster fallen.
 
„So, da bin ich wieder. Jetzt können Sie mich wieder nach Hause fahren. Karolinenstraße siebzehn.
Dort kriegen Sie Ihr Geld!“
 
„Okay, junger Mann,“ brummte der Taxifahrer. Er faltete die Zeitung zusammen und reichte Waldemar
seinen Ring zurück. Dabei blickte er sich nicht einmal um. Dann ließ er den Motor an und fuhr los.
 
„Na, ist Ihr Gespräch erfolgreich verlaufen?“ erkundigte er sich.

„Oh ja,“ erwiderte Waldemar. „Ich bin sehr zufrieden. So einen Erfolg hatte ich schon lange nicht mehr.“

Sie fuhren nur fünf Minuten, denn das berühmte Karolinen-Viertel lag ja fast nur um die Ecke.

„So, da wären wir, junger Mann,“ sagte der Fahrer. Er bremste vor der Hausnummer 17.

„Gut. Vielen Dank,“ erwiderte Waldemar. „Warten Sie hier, ich hole das Geld. Was bekommen Sie?“

„Bloß fünf-zwanzig,“ knurrte der Fahrer. „War ja schließlich keine Tagesreise.
Und dafür bin ich auch noch zweimal gefahren!“

„Sie bekommen ein schönes Trinkgeld von mir,“ versprach Waldemar, stieß die Tür auf und stieg aus.

Der Fahrer drehte sich um. Er wollte sehen, ob sein komischer Fahrgast auch wirklich
in den Hauseingang Nr. 17 ging.

Aber wo war er denn? Die Tür fiel scheinbar von allein zu. Der Kopf des Taxifahrers rotierte,
aber sein Fahrgast war nirgends zu sehen. Wie von zwei Taranteln gleichzeitig gestochen schoss der Fahrer
aus seinem Wagen und rannte auf den Bürgersteig.

„Verdammter Betrüger!“ schimpfte er laut. „Wo bist du Spitzbube geblieben?“
 
„Beruhigen Sie sich, guter Mann. Ich hole schon das Geld!“ rief Waldemar und trat durch den offenen Hauseingang.
 
„Waldemar, sind Sie es?“ rief Emily Brachiala aus der Küche, als sie einen Schlüssel im Wohnungstürschloss
und die Tür gehen hörte.
 
„Ja, ich bin`s, Frau Emily,“ bestätigte Waldemar und betrat sein angeblich komfortabel möbliertes Wohnzimmer.
Die Tür ließ er offen stehen. Hastig suchte er seine Brieftasche zwischen den Wäschestücken in seinem Kleiderschrank.
 
„An Ihrem Wagen hatte wohl wat jemand die Luft rausjelassen?“ rief Emily scheinheilig aus der Küche.

„Allerdings,“ antwortete Waldemar. „Wissen Sie, wer es war?“
 
„Isch? Woher sollt`isch dat wissen?“ rief sie empört. „Nein, aber isch habe mich für Sie verwendet.
IIsch hab`et vorhin unten entdeckt und Hausmeister Krauterbeck jesagt, ob er dat nicht für Sie beheben könnte.“
 
„Und was hat der alte Krauterbeck gesagt?“
 
„Er hat schon wieder alle Reifen aufjepumpt. Keiner war kaputt, nur alle Ventile waren herausjedreht.“
 
„Ist ja merkwürdig,“ sagte Waldemar. Er kam mit der Brieftasche näher.
„Und Sie wissen wirklich nicht, wer dahintersteckt? Wer ein Interesse daran hatte, dass ich zu spät
zu meinem heutigen `Rendezvous`kam?“
 
„Also hatten Sie doch ein Rendezvous!“ entfuhr es Emily. Ihr Gesicht lief wieder rot an wie eine überreife Tomate.

Doch plötzlich blickte sie starr vor Entsetzen und mit rollenden Augen auf Waldemars Brieftasche,
die langsam durch die Küche auf sie zu geschwebt kam. Es klirrte und der Teller, den sie gerade abtrocknete,
zersprang auf dem Fußboden in tausend Stücke.
 
„Huch! Herr Waldemar! Kommen Sie schnell! Was ist denn dat! Isch jlaube, ich spinne!“
 
„Aber ich bin doch hier,“ antwortete Waldemar in beruhigendem Ton.
Er ging mit der Brieftasche weiter auf sie zu.
 
„Waaas?“ kreischte Emily. Sie hypnotisierte zu Tode erschrocken die Brieftasche, die langsam aufklappte
und aus der ein Zehn-Euro-Schein herausschlüpfte und auf sie zu kam.
 
„Hilfe! Träume ich oder spinne ich?“
 
„Hier!“ sagte Waldemar freundlich. „Geben Sie das Herrn Krauterbeck für seine Hilfsbereitschaft.“
 
„Nein!!“ schrie Emily. Sie wich in heller Panik zurück bis zum Küchenfenster. „Da – da – das ist do – doch jar nit möglich!“   

Aber die Brieftasche und der Geldschein kamen unerbittlich hinter ihr her.
 
„Aber wenn Sie das nächste Mal die Luft aus meinen Reifen lassen, bezahlen Sie dem alten Krauterbeck das
Geld fürs Wiederaufpumpen!“
 
Der Geldschein schwebte zu ihrem stark vorgewölbten Busen und blieb darauf liegen wie auf einem Balkon.
Aber nicht lange.

Denn plötzlich röchelte Emily:“Ein Jeist! Mein Jott, et ist sein Jeist!“ Und dann wurde es schwarz um sie.

Waldemar fing sie auf und setzte sie vorsichtig gegen die Wand. Der war das Luftablassen ein für allemal verleidet.
Jetzt hatte sie selber Luft ablassen müssen.
 
Ach Gott, er musste ja hinunter und dem Taxifahrer sein Geld bringen! Hastig stürzte er aus der Wohnung
die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss kam ihm auf halbem Wege der inzwischen wütend
gewordene Taxifahrer entgegen.
 
„Hier sind zehn Euro. Das stimmt so. Vielen Dank für Ihre Mühe und Geduld.“ Sagte Waldemar und hielt ihm
den Geldschein hin. Das heißt, der Geldschein schwebte in dem völlig leeren Treppenhaus
auf den armen Mann zu.
 
Verwirrt und bestürzt ergriff der Mann den Schein. Er blickte sich erschrocken um, drehte den Schein in der Hand
hin und her und verschwand eiligst aus der Haustür.
 
„Mann! Entweder spukt`s hier oder bei mir im Kopp,“ flüsterte er. Und weg war er.
 
Waldemar feixte sich eins. Allmählich bekam er Spaß am Unsichtbarsein, und er verlor seine Hemmungen.
Als Unsichtbarer konnte er sich ja nirgends blamieren, und das gab ihm endlich die Sicherheit, die ihm immer gefehlt hatte.
 
Fünf Minuten später saß er aufgedreht in seinem silbernen VW Lupo und raste in östlicher Richtung durch die Esplanade
zur Binnenalster. Er wollte schleunigst zu seiner Firma PPP am Deichtorplatz. Er wusste, dass sein Chef Dr. Hoose
heute dort arbeiten wollte, um gemeinsam mit Herrn Hautin händeringend nach Möglichkeiten zu suchen, den
verfahrenen Karren noch aus dem Dreck zu ziehen. Vielleicht war auch noch jemand vom Analyse-Labor da, der das INVISIBLIN,
das er hatte mitgehen lassen, analysieren konnte.
 
Als er gerade mit achtzig Sachen über die Lombardbrücke preschte, tauchte plötzlich links neben ihm ein Polizeifunkwagen auf.
Der Beifahrer wollte die berüchtigte rotweiße Kelle aus dem Fenster strecken. Da zuckte er zurück und riss maßlos
erstaunt Mund und Nase auf.
 
„Du, Heiner!“ rief er seinem Kollegen am Lenkrad zu und wies mit der Kelle zu Waldemar. „Ich glaube, mich laust der Pavian!
Da sitzt ja gar keiner drin! Das is`doch nich`möglich!!!“ ……….

Kapitel 6    

"Sowas gibt`s ja gar nech`", meinte der andere kopfschüttelnd. "Musst dir mal`n Staub von der Brille wischen!"

"Aber guck doch selber!" rief der Beifahrer aufgeregt. "Das ist bloß die Kopfstütze, was wir von hinten für den
Fahrer gehalten haben!"  

Waldemar, der die erregte Unterhaltung durch sein offenes Seitenfenster hörte, grinste unsichtbar, dafür aber um so niederträchtiger.
Er dachte gar nicht daran, von seiner überhöhten Geschwindigkeit herunter zu gehen. Ihn hatte jetzt der Mut des Unsichtbaren,
ja der Übermut des nicht Greifbaren gepackt. Die beiden nebeneinander herjagenden Wagen rasten durch den
Glockengießerwall am Hauptbahnhof vorbei.  

"Tatsächlich!" sagte jetzt auch der Beamte am Steuer des Polizeiwagens. "Kein Aas drin! Das muss ein ferngesteuertes
Fahrzeug sein!"     

"Was soll das? Was steckt dahinter? Was sollen wir machen?" fragte sein Kollege ratlos.

"Stoppen natürlich. Das Ding fährt achtzig innerhalb einer geschlossenen Ortschaft!"

"Vielleicht gehört es Gangstern, und wenn wir es stoppen, rattern irgendwo in dem Ding ferngesteuerte Maschinenpistolen los",
gab der Kellenwinker zu bedenken.

"Ich glaube, bei dir rattert`s da oben," sagte der Fahrer lachend. "Quatsch mit Rahmsoße! Da vorne drängen wir ihn
rechts ran und stoppen ihn. Und dann nehmen wir ihn auseinander. Wo gibt`s denn sowas!
Unbemannte Fahrzeug-Objekte - also UFOs auf Rädern durch Hamburgs Innenstadt geistern zu lassen!"

"Soll ich die Kelle trotzdem rausstrecken?" fragte sein verunsicherter Beifahrer.

"Kannst ja auch die Zunge rausstrecken!" riet ihm sein resoluter Kollege. Da werden die sich in der Fernsteuerzentrale
genau soviel drum scheren wie um deinen Tomatenlöffel. Mach lieber `ne Meldung an die Funkzentrale!"  

Während der Beamte mit dem "Tomatenlöffel" den erstaunten Kollegen in der Funkzentrale von einem UFO,
einem Unbemannten Fahr-Objekt , Meldung machte, versuchte der Polizeifahrer Waldemars VW an den Fahrbahnrand
des Klosterwalls zu drängen.

Waldemar fuhr gehorsam rechts ran und hielt. Dann zog er den Zündschlüssel ab, öffnete die Tür, stieg aus und ließ die Tür offen.
"Ist nett, dass Sie so lange auf meinen Wagen aufpassen wollen. Ich komme gleich wieder," meinte er freundlich und ging
zu Fuß weiter.  

"He? Was?" Der Beamte mit der Kelle stutzte verdutzt. "Wer war`n das?"

"War da eben doch einer?" fragte der Fahrer des Polizeiwagens, der gerade ausstieg.

"Nee! Aber gesprochen hat einer, und die Tür ist aufgegangen," erklärte der andere verdattert . Als wenn jemand ausgestiegen
wäre und was gesagt hätte. Mann, ich glaube ja nich`an Geister und so. Aber das hier grenzt an Sachen, die gibt`s
gar nich`!"  

"Hör endlich auf mit deinem verquasten Gefasel!" sagte der Fahrer wütend, ehe er sich entfernte. "Jetzt nehmen wir uns die
Kiste vor. Wäre ja dreimal gelacht, wenn wir nicht die Fernsteueranlage und den Lautsprecher fänden.
Und dann kriegt der Fahrzeughalter `ne saftige Anzeige wegen Gefährdung der Öffentlichkeit, überhöhter Geschwindigkeit,
Verstoß gegen die Straßenzulassungsordnung, groben Unfugs, Erregung öffentlichen Ärgernisses, Verschleierung von
Tatsachen und äh... falschen Parkens!"       

         -----------------

Waldemar kam selbstverständlich ungesehen bis zum Vorzimmer von Dr. Volker Hoose, in dem die attraktive
Barbarella Schönthal Samstag-Überstunden schieben durfte.  Er wollte erst einmal sehen, welche Laune sein
argwöhnischer Chef hatte.

Um unbemerkt hineinzukommen und Barbarella, seine heimliche Liebe, nicht zu erschrecken, drückte er von außen
die Klinke herunter und öffnete langsam die Tür einen halben Meter weit. Dann schlüpfte er durch den Spalt.

Die schwarzhaarige Schöne bekam eine steile Falte auf ihrer schönen Stirn und erhob sich."Dass das blöde Ding nicht zubleibt!"
murmelte sie unwillig und schloss die Tür mit Nachdruck. Doch kaum war diese zu, ging die Tür zum Chefzimmer auf.

"Das gibt`s doch gar nicht," sagte sie ärgerlich. "Möchte wissen, wofür Handwerker sich ihre zwei linken Hände so
teuer bezahlen lassen!"
                                              
Waldemar war nicht schnell genug. Als Barbarella die schere Polstertür wütend hinter iohm zuschlug, bekam er
deren ungepolsterte Kante in die Ferse. 

"Au!" entfuhr es ihm. Dann biss er sich erschrocken auf die Lippen.

"Wieso Au?" fragte der lange Hautin verwundert. Er saß mit übereinander geschlagenen Spinnenbeinenim Besuchersessel.
"Ich sage, wir sollten diesen dämlichen Unsinger aus der Firma mobben - und Sie sagen "Au". Wieso? Täte Ihnen
der Trottel etwa leid?"

"Erstens habe ich nicht "Au" gesagt, sondern Sie," erwiderte der Entwicklungschef. "Und zweitens täte mir
der  Unsinger überhaupt nicht leid. Der - das ist ein ganz infamer Kerl, das haben Sie wohl noch nicht erkannt.
Der tut doch nur so blöd und in Wirklichkeit treibt er einen Keil zwischen den Alten und mich, um mich
von meinem Posten zu verdrängen. Haben Sie nicht bemerkt, wie jovial der Alte zu diesem durchtriebenen Halunken war?"

"Doch, doch, natürlich:" Hautin nickte. "Der hat wahrscheinlich uns und unsere guten Leistungen bei Polterum mies gemacht
und ihm dann den Floh ins Ohr gesetzt, seine Anteile zu verkaufen, damit die WCC-Manager uns ausbooten können.
Wer weiß, vielleicht hat er sogar Beziehungen zu diesem kanadischen Aufkäufer, zu dieser Heuschrecke McDingsda."

"Möglich:" Hoose nickte düster. "Vielleicht ein Verwandter, ein angeheirateter Onkel von einem ausgewanderten
Unsinger oder sowas:" Er wedelte skeptisch mit seiner gelblich verfärbten Chemikerhand.

"Ich habe ein ganz ungutes Gefühl. Wir sollen das Opfer eines ganz niederträchtigen Komplotts werden."

"Man will uns mit der kanadischen Holzfälleraxt abholzen," bestätigte Hautin.

"Erst kommen Sie dran, Sie Hintertückischer und Heimlistiger," meinte da Waldemar mit verstellter Stimme.
Er stand jetzt neben dem Schreibtisch zwischen den beiden Gesprächspartnern und rieb sich die schmerzende Ferse.

"Waas?" Hautin fuh hoch. "Was erlauben Sie sich, Sie Frechling! Ich sitze hier und mache mir Gedan...."

"Halten Sie den Mund!" schnauzte Dr. Hoose zurück. "Sind Sie wahnsinnig, mich hier einfach zu beleidigen?
Mich heimtückisch zu nennen! Ich dachte, wir sollten zusammenhalten..."

"Aber nicht so!" schimpfte Hautin mit wild fuchtelndem Zeigefinger. "Nicht ich, sondern Sie haben mich
hier hintertückisch - äh, heimlistig - genannt!"

"Wollen Sie hier unbedingt einen Streit vom Zaun brechen, Hubert?" ereiferte sich Hoose.
"Ich habe gedacht, Sie seien auf meiner Seite! Aber jetzt weiß ich es besser. Gott sei Dank haben Sie sich noch
rechtzeitig entlarvt. Sie sind ein ganz schlimmer Finger und darauf aus, die ganze Misere in meine Schuhe zu schieben!"

"Natürlich," sagte Waldemar.

"Waas?" Dr. Hoose schoss aus seinem Drehsessel hoch. "Sie geben es sogar zu, Sie unverschämter Halunke?"
Mit beiden Händen stützte er sich auf den Schreibtischrand. Jetzt faltete sich auch der lange Hubert Hautin
aus dem Besuchersessel. Zornbebend langte er über den Schreibtisch und packte Hoose mit seiner riesigen
Hand am Revers.

"Sie! Sie!!" zischte er mit rotunterlaufenen Augen. "Den unverschämten Halunken nehmen Sie zurück,
Sie Spitzbube! Sonst vergesse ich mich und ich schlage Sie hier in Ihrem eigenen Büro windelweich. Hören Sie?"

Mit einem Ruck riss Dr. Hoose die riesige Hand vom Revers und schrie seinem Gegenüber hochrot ins grobe Gesicht:
"Lassen Sie mich los!! Fassen Sie mich ja nicht an! Ich nehme nichts zurück! Machen Sie, dass Sie auf der Stelle
aus meinem Büro kommen! Ich zeige Sie an wegen Beleidigung, Verleumdung, Hausfriedensbruch und Körperverletzung!"
Wutentbrannt streckte er seinen zitternden Zeigefinger zur Tür. "Hinaus! Hinaus, sage ich! Sie falsches Aas!!"

Hubert Hautin sagte gar nichts mehr. Er holte nur aus, um seinem feindseligen Gegenüber eine schallende Ohrfeige
zu verpassen. Doch auf halbem Weg wurde sein Arm jäh gestoppt, und schmerzerfüllt schrie er:
Aua! Was war das?" Er hielt sich den Arm, krümmte sich und blickte scheu um sich. Kein Wunder, denn
Waldemar hatte seine Faust mit voller Wucht dazwischenfahren lassen.

Aber Hautin schien es dennoch für ein Wunder zu halten. "Verdammt!" quetschte er zwischen den
schiefen Zähnen hervor. "Haben Sie etwa einen Elektroschock-Stab irgendwo im Ärmel?"

"Wieso, Hubert?" Hoose grinste schadenfroh. "Das ist sicher ein gerade zur rechten Zeit eingetretener Hexenschuss.
Ja, ja, das ist das Alter. Das sollte man wissen, ehe man sich mit seinen Kollegen anlegt.
Und damit Sie`s nur wissen, ich nehme überhaupt nichts zurück!" Er wies erneut  zur Tür.
"Hinaus mit Ihnen, Sie ....Aua!" schrie nun auch er, und er hielt sich ebenfalls den Arm. "Wa...was ist denn....das?"

"Das war die gerechte Strafe aus dem Reich der Unsichtbaren!" sagte Waldemar mit Donnerstimme.
"Man zieht nicht ungestraft über abwesende Untergebene her."

"Haa...ach!" Dr. Hoose erschrak furchtbar und blickte wie irre um sich. "Au...aus d...dem Reich der Unsichtbaren...",
wiederholte er totenblass.

"Der Unsingbare...äh...der Unsinger!" entfuhr es dem langen Hautin. "Wo...wo steckt dieser Kerl?"

"Hier!" sagte Unsinger. Er zog Dr. Hoose den Schreibtischsessel weg, als dieser sich gerade hineinfallen
lassen wollte. So fiel Dr. Hoose auf den Teppichboden.

"Hilfe! Es spukt hier!" schrie er auf. Er rappelte sich schleunigst auf.

"Er war b...bei diesem Dok...Doktor Sch...aumberg," hauchte Hautin. "Und jetzt ist er un - sichtbar!
Tatsächlich unsichtbar!" Vor dieser weittragenden Erkenntnis fiel der große Mann fast in Ohnmacht.

"Mein Gott!" Nun fiel es auch  Dr. Hoose wie Schuppen von den Haaren. "Das INVISIBLIN !
Da...das Zeug scheint  ta...tatsächlich zu funktionieren!" Er musste sich am Schreibtisch festhalten.
"D...der Waldemar ist unsichtbar!"

"Na endlich, meine Herren Vorgesetzten, haben Sie die Sachlage begriffen," sagte Waldemar.
"Aber das Geheimnis gehört jetzt mir! Mit solchen Ignoranten und falschen Fünfzigern wie Ihnen
will ich nichts mehr zu tun haben. Sie hören noch von mir!"

"Mein Gott," stöhnte Dr. Hoose verzwei..., ja schon eher verdreifelt. "Und wir Blödmänner
haben den Kerl dahin geschickt und uns nun von ihm austricksen lassen!"

Und dann beobachteten die beiden Chefs, die leicht zitternd und mit aufgerissenen Augen
im Zimmer standen, dass sich die Polstertür wie von Geisterhand öffnete....

Kapitel 7

Im Vorzimmer stand der schöne Egon Hinterer, Waldemars arroganter Kollege aus der
Entwicklungsabteilung, vor dem Schreibtisch und flirtete wieder einmal mit Waldemars
heimlicher Liebe - Barbarella Schönthal.

Der Kerl war schon immer sein Rivale bei Barbarella gewesen. Und das ärgerte Waldemar maßlos.
Er sann erneut auf Rache. Er nahm sich ein Herz, und mit dem Mut des Unsichtbaren schritt er Barbarella
entgegen, die sich gerade erhoben hatte, um die Polstertür zu schließen.
Neben Egon Hinterer prallte sie jedoch gegen eine unsichtbare Mauer. Dann fühlte sie sich
plötzlich kräftig umarmt, und schließlich brannte ein stürmischer Kuss auf ihren Lippen.

Völlig verstört rief sie: "Huch!" Sie sah das markige braungebrannte Profil des schönen Egon Hinterer
vor sich. Wütend holte sie aus und knallte ihre hübsche feste Hand mitten in das schöne Männer-Antlitz.

"Wohl verrückt geworden, Egon, wie?"

Ihre bemerkenswerte Brust hob und senkte sich erregt, und Waldemar stand noch ganz benommen da
und fühlte selig die Nachwirkung der warmen vollen Lippen auf seinem Mund. Plötzlich wurde ihm
ganz komisch.

"Also,  das ist doch!" empörte sich Egon Hinterer. "Mich zu schlagen, obwohl ich Ihnen überhaupt nichts
getan habe! Sie verdammter Kerl, Sie!"

Entsetzt bemerkte Waldemar, dass dieser Hinterer seinen dunklen brennenden Blick auf ihn, Waldemar,
richtete und auf ihn losging. Doch Waldemar fühlte sich wie angenagelt. Er konnte sich nicht von
der Stelle rühren. Verdutzt blickte er an sich hinunter. Ach, du Schreck ! Er war ja auf einmal wieder
sichtbar !

"Wo kommen Sie denn so plötzlich her, Waldemar?" fragte Barbarella erstaunt. Dann hatte Egon Hinterers
geballte Faust seine Kinnspitze erreicht. Auf einen Feuerregen folgte tiefschwarze Nacht.

Aber nein ! Irgendwo vor seinen schmerzenden Augen hatte die Nacht einen feinen Spalt, und durch den
drang ein wenig Licht. Auch sonst war die Nacht recht eigenartig. Sie roch intensiv nach Mottenkugeln,
und in der Ferne hörte er fahrende Autos.

Doch es vergingen noch einige Minuten, bis sich seine Gedanken wieder klärten. Plötzlich fühlte er sich
beengt. Er spürte, dass er mit angezogenen Beinen auf dem Boden saß und mit dem Rücken an i
irgendeiner Wand hockte.
Blind tastete er um sich und berührte Stoff. Er erschrak. Ein Anzug? Ein Mantel? Stand da einer
ganz dicht bei ihm im Dunkeln und belauerte ihn?

Vorsichtig beugte er sich vor zu dem schmalen Lichtstreifen vor seinem Gesicht. Er hielt  ein Auge
ganz nahe daran. Da sah er etwas. Es war ein Stück von einem Fenster.
Er erkannte, dass es ein Türspalt war. Eine Holztür. Er versuchte, die Beine auszustrecken,
aber es gelang ihm nicht. Sie stießen gegen eine Holzwand.
So schob er sich an der Wand nach oben - und erschrak ein weiteres Mal. Denn plötzlich stieß
er mit dem Kopf gegen etwas. Es klapperte und rasselte, und einige Kleiderbügel polterten herunter.
Er saß in einem Schrankl !

Mit aller Kraft stemmte er seine Füße gegen die Tür, aber diese gab nicht nach. Er tastete auf der
Türinnenseite nach dem Schloss und fand eine senkrecht über der Tür verlaufende Metallstange.
Diese Stange erfasste er mit beiden Händen, und er versuchte, sie hin und her zu schieben.
Tatsächlich, die Tür gab endlich nach und sprang auf.

Grelles Tageslicht stach in seine noch schmerzenden Augen. Mühsam faltete er sich aus dem
Kleiderschrank heraus. Er massierte seine Glieder und sah sich um. Hier standen nur zwei
kahle Kunststoff-Tische, zwei kahle weiße Stühle und der weiße, fest eingebaute Kleiderschrank.
Aber irgendwie kam ihm diese Umgebung bekannt vor.

Er öffnete die Schranktür wieder und blickte hinein. Nur ein alter schäbiger Mantel hing darin.
Seine Taschen waren leer. Auf dem Boden lagen die drei heruntergefallenen Kleiderbügel.
Waldemar zog den Kopf aus dem Schrank und schaute sich in dem Zimmer um.

Moment ! Das Fenster ! Das war doch dasselbe wie ...

Schnell schritt er hinüber und blickte durch das Fenster hinaus. Tatsächlich ! Da unten lag der
Ballindamm und er erkannte die Binnenalster mit ihren Ausflugsschiffen. Er war noch immer in
Dr. Schaumbergs Labor !

 Ja - und dann?
                                                                                                                                                                                                                                                              
                                                                                                  Weiter geht`s in Kürze mit dem Kapitel 8:

Jetzt steigt die Spannung weiter:


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